Farbe – aber wie?

Die Publikation «Farbstrategien in der Architektur» ist ein Gemeinschaftswerk von fünf internationalen Farbexpertinnen und -experten. Sie lehrt, wie man Farbe betrachten, analysieren und erklären kann. Ab Ende März gastiert die dazu ­konzipierte Wanderausstellung in ­Zürich.

Bild: Haus der Farbe

Die der Publikation zugrunde liegende Studie ist das Ergebnis eines Zufalls. Vor rund zehn Jahren lernten sich zwei der fünf Autorinnen und Autoren in Zürich im Rahmen einer Konferenz der Association Internationale de la Couleur (AIC) kennen. Im Austausch entdeckten Fiona McLachlan, Professorin für Architekturentwurf an der University of Edinburgh, und Stefanie Wettstein, Leiterin des Haus der Farbe in Zürich, dass sie mit ihren Studierenden eine identische Aufgabenstellung am Erarbeiten waren: nämlich das Eruieren von Farbpaletten von verschiedenen Architekturbüros. So entstand die Idee, ein gemeinsames Projekt umzusetzen; eine Studie zu erarbeiten, die einen direkten Nutzen für die Farbgestaltung am Bau haben sollte. Und demzufolge Architektinnen, Farbgestalter, Studierende sowie allgemein Interessierte inspirieren und informieren sollte. «Es war vom ersten Moment an ein Herzensprojekt für uns alle», erzählt Wettstein mit spürbarer Begeisterung.

Bild: Haus der Farbe

Die auf die Praxis des Entwurfs konzentrierte Studie hat sich zum Ziel gesetzt, neue Erkenntnisse und Interpretationen zum Einsatz von Farbe in der Architektur aufzuzeigen. Denn laut den Autorinnen ist Farbe ein wesentliches und vielseitiges Mittel der Raumgestaltung. «Man kann mit Farben Geschichten erzählen. Sie kann die architektonische Form unterstützen und trägt zur Hierarchisierung von Gebäuden und Bauteilen bei», erläutert Marcella Wenger-Di Gabriele, Co-Leiterin Institut am Haus der Farbe in Zürich und Mitautorin der Studie. Die analysierten Projekte siedeln sich entlang einer Zeitachse von knapp 100 Jahren an – von den 1920er-Jahren bis in die jüngste Vergangenheit. «Es war uns ein Anliegen, aufzuzeigen, dass Farbe nicht erst seit einigen Jahren ein wichtiges Element in der Architektur ist», sagt Wettstein. Le Corbusier, Lux Guyer, Hans Scharoun, Eileen Gray (siehe Artikel S. 56) und Bruno Taut – um nur einige zu nennen – betrachteten Farbe als wichtiges Gestaltungselement. Nach der Moderne verlor die Thematik an allgemeiner Bedeutung. Heute spielt Farbe als architektonisches Gestaltungsmittel wieder eine bedeutendere Rolle. Auch wenn gemäss Wenger-Di Gabriele die Farbgestaltung in der Regel nach wie vor nicht von Beginn weg in den Entwurfsprozess eingeplant wird. Ein Grund mehr, das Forschungsprojekt umzusetzen.

Bild: Haus der Farbe

Sechs Studios in drei Städten
Die internationale, interdisziplinäre Autorschaft wählte in aufwendiger Recherche sechs Architekturbüros mit Sitz in Berlin, Edinburgh und Zürich aus: «Neben der Berücksichtigung von Diversität fiel die Wahl auf genau diese Büros, da sie in ihrem architektonischen Entwurf im Umgang mit Farben von Anstrichen und Materialien einen konzeptionellen Ansatz verfolgen», erklärt Wettstein den Ansatz der Studie. Daraus eruierte das Expertenteam sechs unterschiedliche Farbstrategien. Die zeitlich am weitesten zurückliegenden analysierten Projekte (1928–1930) stammen von der Zürcher Architektin Lux Guyer. Dazu gesellen sich Hans Scharouns Philharmonie (1957–1963) und Staatsbibliothek (1964–1978) in Berlin, Basil Spences Wohnprojekte (1958–1969) in Edinburgh, Rainer Rümmlers U-Bahn-Stationen (1970er-Jahre) in Berlin, eine Wohnsiedlung (2006–2011) und Wohnhäuser (1997–2010) in Zürich von Knapkiewicz & Fickert Architekten sowie zwei öffentliche Bauten (2011–2013) in Edinburgh des Architekturbüros Reiach and Hall. Dabei traten ganz unterschiedliche Herangehensweisen im Umgang mit Farbe zutage. Bei Lux Guyer lässt das atmosphärische Zusammenspiel von Farbe, Raum und Licht eine Vielzahl von begehbaren Farbbildern entstehen. «Man nimmt nie nur einen einzelnen Raum wahr, dahinter blitzt bereits ein neuer auf», erläutert Wenger-Di Gabriele. Bei Hans Scharoun hingegen ist Farbe eng mit der Lösung der Bauaufgabe verbunden und somit untrennbarer Bestandteil des architektonischen Ausdrucks. Bei Knapkiewicz & Fickert Architekten legt sich die Farbe quasi als Maske über die architektonische Grundstruktur.

Bild: Haus der Farbe

Im Rahmen der Studie wurde eine Methode angewendet, die eine phänomenologische, empirische Annäherung an Farbe und Architektur verfolgt. Will heissen, der Prozess konzentrierte sich in einem ersten Schritt auf eine genaue Beobachtung, um die Farben und ihren Bezug zur Architektur zu erfassen. Ziel dieser detaillierten Farberfassung war es, die Einzelfarben des beobachteten Farbklangs zu entschlüsseln und diese in ein abstrahiertes Farbporträt zu überführen. Wie eine Zusammenfassung wurde die zugrunde liegende Farbstrategie visualisiert. Für die Autorinnen und Autoren ist diese Studie mehr als ein didaktisches Hilfsmittel für Farbgestaltung. Es ist eine Aufforderung, die Bedeutung von Farbe und Oberflächengestaltung für die Identität eines Baus und für dessen Raumstimmung zu erkennen und zu verstehen. «Die Arbeit an diesem Projekt hat mich beflügelt und bestätigt – und die Transformationen in die Visualisierungen, die sogenannten Capricci, haben mich extrem inspiriert», sagt Wenger-Di Gabriele.

Bild: Haus der Farbe

Parallel zur Publikation konzipierte das Autorenteam mit Unterstützung des Gewerbemuseums Winterthur eine Wanderausstellung, die bisher in Edinburgh, Glasgow, London, Wuppertal, Trondheim sowie in Winterthur, Aarau, Lugano und Freiburg zu sehen war. Als Abschluss dieses Zyklusses gastiert die Ausstellung in Zürich. Gastgeber der Ausstellung sind Pool Architekten. Sie öffnen dafür ihren Projektraum Loop im Zürcher Kreis 3. «Für uns sind Farbe und Material ein untrennbarer und zentraler Bestandteil in der Architektur und unserem Schaffen», sagt Marcel Jäggi. Und Thomas Friberg ergänzt: «Sie evozieren Stimmungen, sind Träger von Geschichten sowie Mittel zur Akzentuierung und Differenzierung.» So war es für das Team von Pool Architekten naheliegend, ihren Raum zur Verfügung zu stellen. Die Wanderausstellung gastiert von Anfang April bis Juni im Projektraum Loop an der Weststrasse 118 in Zürich.

Vernissage: 30. März 2023
Finissage: 22. Juni 2023
Jeweils donnerstags finden Talks statt.
Infos dazu unter: hausderfarbe.ch

Die englische Version, sowie letzte Exemplare der deutschen Ausgabe sind über das Haus der Farbe oder im Rahmen der Ausstellung erhältlich.

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