Streng geheim!

Streng geheim!

Werkstattbesuch Fluidsolids

Hinter diesen Türen wird ­geforscht, getüftelt und getestet. Und hier entstehen mass­geschneiderte hochwertige und biologisch abbaubare Materialien, sogenannte Biokomposite. Sie sind eine Alternative zu Kunststoff oder Metall. Das Potenzial ist riesig, das Material gerade so richtig am Durchstarten. ­Willkommen bei Fluidsolids!

Nussschalen, Wolle, Kaffeesatz und geschneidertes Stroh liegen in weissen Säcken im Regal gestapelt. Es sind allesamt Reststoffe aus Industrie und Landwirtschaft. Abfall, der in der Regel entsorgt wird – nicht selten für viel Geld. Für Fluidsolids hingegen sind die Stoffe kein Müll, sondern wertvolles Rohmaterial für die Produktion von Biokompositen, einer Alternative zu erdölbasierten Kunststoffen. Die Werkstoffe sind giftfrei und problemlos im Hauskompost zu entsorgen. Fast könnte man vermuten, hinter dem Projekt stecke ein ideologischer Verfechter grüner Themen. Doch Beat Karrer, der geistige Vater von Fluidsolids, winkt ab: «Natürlich geht es mir immer auch um Nachhaltigkeit, doch von Anfang an war mir wichtig, dass das Projekt auch ökonomisch ist.» In den Verhandlungen mit Kunden seien neben den ökologischen die wirtschaftlichen Argumente matchentscheidend. «Firmen geben Millionen Franken für Abfallentsorgung aus», erklärt Karrer. «Wenn die Unternehmen realisieren, dass man die Abfallstoffe auch wiederverwerten und so Kosten sparen kann, dann werden sie hellhörig.» Viele seiner Gesprächspartner sind grosse Fische in der Wirtschaft. Derzeit arbeitet er unter anderem an einer Pilotserie für ein Swisscom-Elektronikgehäuse. Das Interesse an der Kreislaufwirtschaft – und genau darum handelt es sich bei Fluidsolids – ist derzeit riesig. Deshalb ist Beat Karrer heute nicht mehr im operativen Bereich seines Unternehmens tätig, sondern er ist für Akquise, Verhandlungen und Patente zuständig. Aus dem Start-up ist nämlich mittlerweile ein gut aufgestelltes Unternehmen mit einem serienreifen Produkt und neun Mitarbeitern geworden. Doch der Weg war steinig und lang – elf Jahre sind vergangen seit der ersten Idee.
Diese entstand 2008, als der Produktdesigner einen Vitra-Workshop leitete und mit Designstudenten mit selbst gemachtem Biokunststoff experimentierte. Mit dabei war auch der Biochemiker Michael Kangas. Der Workshop entfachte das Flämmchen, das den Gestalter nicht mehr losliess. «Meine Grundidee war anfangs ganz naiv: Mir schwebte ein Material wie eine eierlegende Wollmilchsau vor», blickt Karrer auf die Anfänge zurück. In seiner Arbeit als Produktdesigner drehte sich ebenfalls fast alles ums Material. «Nur die reine Form interessiert mich nicht. Mich faszinieren hingegen Technologien, Konstruktionen und die Frage, wie man ein Material intelligent einsetzt», sagt der Gestalter. Die Lust am Forschen ist die Triebfeder für sein Schaffen. Die Vision, ein nachhaltiges und gleichzeitig ökonomisch interessantes Material zu entwickeln, war geboren. Nun hiess es: forschen, ausprobieren, forschen, ausprobieren. Auch der Biochemiker Kangas war von dieser Idee begeistert.

So kam es, dass die beiden zusammenspannten und an verschiedenen Rezepturen tüftelten. Dazu verwendeten sie Fasern oder Granulate aus landwirtschaftlichen Restprodukten, Bindemittel und «Magic Powder», wie Karrer das geheimnisvoll nennt. «Es ist wie beim Backen: Man mischt verschiedene Zutaten immer wieder in neuen Mengen zusammen, bis das Resultat perfekt ist. Nur ein Hauch mehr oder weniger Vanille kann den entscheidenden Unterschied beim Schokoladekuchen machen», weiss der Unternehmer und fügt an, am kniffligsten seien immer die letzten zwei Prozent einer Materialmischung.

fluidsolids.com

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Wort
Katrin Ambühl

Bild
Roshan Adhihetty