Reichtum, der mir teuer ist

Illustration: Helena Zingarella

Reichtum, der mir teuer ist

Sarah Altenaichinger

Die 22-jährige Slam-Poetin hat in der Schweiz
diverse Preise an Poetry-Slam-Veranstaltungen
abgeräumt. Sie studiert Germanistik und ­Psychologie an der Universität Bern und
schreibt leidenschaftlich Texte und Gedichte.

«Was würdest du aus deinem brennenden Haus retten?», ist eine geläufige, wenn auch perfide Frage. An meiner Wand hängt inmitten meines Collagenteppichs eine ausgeschnittene Magazinseite, die ebendiese Frage konzeptionell inszeniert. Darauf ist ein Raster von vier Fotografien zu sehen: in der linken oberen Ecke eine ältere Frau, die auf ihren Armen ein gelbes Necessaire voller Make-up-Pinsel, einen Föhn und ihre rot getigerte Katze balanciert. Links unten ein Junge, der ernst ein grosses Modellflugzeug sowie einen kleinen, türkisen Stofftierdrachen in die Kamera hält, während eine Gitarrentasche wie ein überdimensionierter Rucksack hinter seinen Schultern aufragt. In den Armen der Jugendlichen im rechten oberen Winkel türmen sich DVDs, ein Schmuckkästchen, ein rosa Einhornkuscheltier, Parfümflacons und Boxhandschuhe sowie -bandagen übereinander. Und rechts unten schliesslich eine Greisin, die liebevoll ein Fotoalbum, ein blau-weiss gestreiftes Kleidungsstück, eine Handtasche, ein altes Porträt und eine ornamentierte Metallschale umfasst. 

Beim allmorgendlichen Erschauen dieser Bilder wirft sich die Frage stets unwillkürlich auf mich selbst zurück, und ich lasse einen Blick durch mein bis an die Decke vollgepacktes WG-Zimmer gleiten. Ich bin eine Allessammlerin, also würde ich natürlich am liebsten auch das gesamte Inventar mitnehmen. Da aber meine Arme eindeutig zu kurz und meine Bizepsmuskeln zu schwach sind, muss ich meine Wahl wohl oder übel einschränken. Ich picke mir gedanklich zuerst den kleinen Schreibtisch im 60er-Jahre-Stil heraus, den mir meine Mutter schweren Herzens überliess und der nun zu meinem Papierlasttier und Ellbogengefährten mutierte. Als Nächstes sortiere ich meinen Kleiderschrank aus und bleibe an dem feingemusterten Hemd hängen, das ich mir in Paris geleistet habe und das mich nun glamourös zu Auftritten und Feierlichkeiten begleitet. Von meinen heissgeliebten Büchern würde ich mich sogar noch trennen, da es ihrer glücklicherweise meist als neu gedruckte Geschwister in Buchhandlungen gibt. Doch Ruth Schweikerts Erzählung «Wie wir älter werden», die ich wild verschlang, während ich ziellos durch Stockholm lief, und Sarah Kirschs dünner Gedichtband «Katzenkopfpflaster», den ich – damals noch nichts ahnend von der Wunderbarkeit des Inhalts – in einem Liestaler Antiquariat erstand, würde ich mir dann doch unter den Arm klemmen. Mein Computer wäre mein nächstes Ziel, aus dem simplen Grund, dass er mein gesamtes Leben in sich vereint. Eine tragbare Seele haben wir uns da erfunden. Ohne Erinnerungsschnipsel, Fotoalben, jahrealte Schreibversuche, neu pulsierende Texte und Zwischendurchnotizen wäre ich hoffnungslos verloren in der Welt. Genauso wertvoll sind mir die analogen Versionen derselben – Kritzeleien, Ferienzeichnungen, Gefühlsgedichte, Polaroid-Schnappschüsse –, die sich bunt über ein Arsenal an Notizbüchern verteilen. Immer wieder läuft es also auf das Nicht-Materielle, das Nicht-Ersetzbare hinaus. Das ist im Grunde mein wirklicher Reichtum, der mir teuer ist. Und den würde ich, komme, was wolle, aus dem Brandherd bergen – trotz Feuerphobie, die ich doch eigentlich habe. Und was retteten Sie?

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