Luxus des Puren

Die japanische Badekultur war Vorbild für diesen Teilumbau einer Zürcher Wohnung. Das Leitmotiv von Bauherren und Architekten lautete: radikaler Minimalismus mit maximaler Sinnlichkeit.

Bild: Andrea Diglas

Funktionalität, Zeitlosigkeit und Pflegeleichtigkeit sind Werte, auf die Schweizer Bauherren grosse Stücke halten. Komplett andere Themen standen bei diesem Objekt im Vordergrund: hoher Designanspruch, sinnliches Raumgefühl, authentische Umsetzung des japanischen Baderituals. Die Auftraggeber lebten viele Jahre in Japan und lernten dort Kultur, Kunst und Rituale kennen und schätzen. Zurück in der Schweiz, nahmen sie gewisse Elemente, zum Beispiel Tatami-Matten und Futon, zwar auf in ihr Wohnkonzept, die anderen Bereiche hingegen waren im westlichen Stil gehalten. Nachdem die Kinder ausgezogen waren, wollten sie ihre Wohnung ganz nach ihren Wünschen neu gestalten – ohne Kompromisse bei Design, mit konsequent natürlichen Materialien und klassisch im Stil der japanischen Badekultur, bei der nasse und trockene Zonen getrennt sind und die Toilette separat platziert ist.

Bild: Andrea Diglas

Im Architekten Thomas Hildebrand fanden sie den perfekten Partner für die Umsetzung ihrer Wünsche. Der Inhaber des Zürcher Architekturbüros Hildebrand ist seit Langem selbst eng verbunden mit der japanischen Kultur und Kunst, in seinem Studio an der Limmat sind zahlreiche japanische Bilder, Wandgemälde und Objekte zu finden. Seit Jahren beschäftigt er auch japanische Praktikanten und festangestellte Architekten. Die Bauherren kannte er von Kunstausstellungen und von einem bereits realisierten Projekt. Der Auftrag beinhaltete die Neugestaltung des Schlaftrakts mit Badezone, rund 100 m² der insgesamt 200 m² umfassenden Wohnfläche. «Die Bauherren waren sehr konsequent in ihrem hohen Designanspruch», führt Hildebrand aus. «Im Bad sollte kein noch so kleines Objekt die Optik der Raumgestaltung stören.» Sämtliche Gebrauchsgegenstände und Badeutensilien sind deshalb hinter Holztüren versteckt. 

Bild: Andrea Diglas

Shoji, Naguri, Hinoki
Durch eine Shoji-Schiebetüre wird der Schlaf- und Badebereich betreten. Dahinter wird man von rundum durchlaufenden Holzlamellen aus feinem Ahorn an der Umkleide vorbei zum Baderaum geführt. Diese Struktur wurde auch vor die Fenster gezogen, damit die konsequente Optik nicht unterbrochen wird. Das Bad ist unterteilt in den vorderen Teil mit dem Holzwaschtisch und den hinteren, der mit verglasten Schiebetüren abgetrennt ist. Hier liegen die Dusche und die Holzwanne. Letztere ist das Highlight. Die Badewanne aus unbehandeltem Hinoki-Holz stammt aus Japan wie auch die Böden aus dunkler Esche mit den Kerben. Die traditionellen Böden werden in der sogenannten Naguri-Technik hergestellt, früher in Handarbeit, heute auch industriell wie bei diesem Objekt. «Bei den Materialien ging es darum, die nahe Beziehung von Mensch und Natur aufzuzeigen und sämtliche Sinne zu bedienen», erläutert der Architekt. Die Haptik des unbehandelten Holzes, der Duft desselben, das Gehen auf dem ausgekerbten Boden und die Atmosphäre des gedämpften indirekten Lichts bilden zusammen denn auch ein Gesamtpaket der Sinnlichkeit. Dazu gehört auch die Wand im Schlafzimmer: eine Lehmwand, die ein aus Japan angereister Handwerker in einer aufwendigen Technik in hauchdünnen Schichten auftrug. Das Sideboard im Schlafzimmer wurde von den Architekten entworfen und aus einem alten unbehandelten Stamm der roten Zeder hergestellt. 

Bild: Andrea Diglas

Natürliche authentische Materialien und das Handwerk spielen die Hauptrolle bei diesem Innenausbau. Da sei die Präzision der handwerklichen Arbeiten zentral, betont Hildebrand, der in diesem Fall mit den Spezialisten von Stahl & Traumfabrik in Schlieren zusammengearbeitet hat. Sein Büro stellte auch die Begleitung und Kontrolle der Arbeitsschritte sicher, die Bauleitung lag in den Händen von Verena Jehle. Für die Projektleitung war der japanische Mitarbeiter Yuichi Kodai zuständig. Der Entwurf vereint die japanische Badekultur mit der bestehenden Architektur. Durch die intensive Zusammenarbeit zwischen Architekten und Bauherren sowie ihren gemeinsamen hohen Designanspruch ist eine Architektur entstanden, die konsequent und klar ist und sämtliche Sinne anspricht.

hildebrand.ch, stahlundtraum.ch

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