Wohnen in eigenwilliger Architektur

Ein Zufall führte uns zu einem der frühen Bauten von Herzog & de Meuron mitten in einem Wohnquartier bei Basel. Das markante Gebäude besticht durch eine eigenwillige Raumaufteilung und mit grosszügigen Durchblicken, die den Betrachter in Staunen versetzen.

Bild: Daisuke Hirabayashi

Vor einem Jahr publizierten wir in der Wohnrevue zum Thema Erleuchtet das Sutra House in Riehen (siehe Wohnrevue 06–20). Mitten im Shooting versuchten wir das Haus, in dem unterdessen regelmässig Yoga-Retreats stattfinden, seitlich zu fotografieren und stapften unverhofft in den Garten des Nachbarhauses. Die Familie lud uns spontan zu einer Hausbesichtigung ein – beim Betreten merkten wir schnell, dass wir dabei waren, eine wahre Architekturperle zu entdecken. Der Hausherr, ein Basler Architekt, führte uns durch den Garten ins Hausinnere. «Wir sind vor 20 Jahren hier eingezogen, unsere Tochter war gerade zwei Jahre alt», erzählte er uns. Die damaligen Besitzer kamen mit der eigenwilligen Raumaufteilung nicht zurecht, und das Haus wurde für die Familie zu klein. «Zur richtigen Zeit am richtigen Ort – hier zu wohnen hat unser Leben sehr positiv geprägt», ergänzte er. Es ist das letzte Einfamilienhaus, das Herzog & de Meuron in der Schweiz gebaut hatte. Fertiggestellt wurde das Gebäude 1994.

Bild: Daisuke Hirabayashi

Alles andere als Standard
«Das Gebäude ist komplett anders aufgebaut als ein gewöhnliches Einfamilienhaus – dementsprechend anders ist das Lebensgefühl, wenn man hier wohnt», erklärt der Architekt. Um das spezielle Wohngefühl zu verstehen, bittet er uns ins Untergeschoss, wo sich der Haupteingang des Gebäudes befindet. Von der Eingangstür gelangt man über eine Rampe mit einer leichten Steigung zu einer Treppe und danach in den eigentlichen Wohnraum im Erdgeschoss. Auf knapp 120 m2 und um einen überdachten Innenhof herum sind Küche, Wohn- und Arbeitszimmer angeordnet. Die Übergänge sind fliessend, keine Türen trennen die Räume. «Besonders am Bau ist der überdachte Innenhof, dessen Dach wir im Sommer öffnen, sodass ein Atrium mit freier Sicht auf den Himmel entsteht», erklärt uns die Hausherrin und führt uns über eine Treppe ins obere Stockwerk, wo sich fünf Schlafzimmer und das Bad befinden.

Bild: Daisuke Hirabayashi

«Etwas vom Schönsten hier sind die verschiedenen Bezüge zwischen den Räumen, die die Architektur bietet», sagt sie. Sitzt man zum Beispiel in der Badewanne, hat man freien Blick durch den Innenhof auf die Küche im Erdgeschoss. Vom Wohnzimmer aus geniesst man nicht nur freie Sicht auf Basel und den Garten, sondern auch auf das Geschehen im oberen Stockwerk. «So offen zu wohnen, muss man allerdings mögen – hier werden Raum und Architektur zum Wahrnehmungsinstrument für Tag und Nacht, den Jahreszeitenwechsel sowie für Licht und Schatten», sagt der Hausherr. Ein u-förmiger Korridor verbindet die Schlafzimmer im oberen Stockwerk. Raumhohe Glasfronten geben den Blick ins Atrium frei. Eine weitere Treppe führt wieder zurück ins Erdgeschoss in den weitläufigen Wohnraum mit direktem Zugang zur Terrasse und zum Garten.

Bild: Daisuke Hirabayashi

Fliessende Räume
Möbliert ist das Haus mit unauffälligen, aber stilvollen Designklassikern – Kunstwerke an den Wänden und volle Bücherregale verraten die Interessen der Bewohner. Das Atrium, das im Winter überdacht ist und im Sommer den Blick auf den Himmel freigibt, dient in der kalten Jahreszeit als Wintergarten. «Im Sommer stellen wir die Pflanzen ins Freie und öffnen den Innenhof zum Garten hin, sodass der Innen- und Aussenraum komplett verschmelzen», sagt die Hausherrin. Die fliessenden Räume, die eigenwillige Architektur und vor allem die immer wieder überraschenden Bezüge der einzelnen Räume und Ebenen zueinander versetzen uns in Staunen. Über die verschiebbaren, raumhohen Fenster im Innenhof verlassen wir das Gebäude und finden uns im Garten wieder, der fliessend ins Grundstück des Sutra House übergeht. Wow(!) denken wir – so lässt es sich wohnen.

Bild: Daisuke Hirabayashi

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