Anregende Kontemplation

Wer im Alpenhof in Oberegg einkehrt, taucht ein in eine Welt der Ruhe, gepaart mit viel anregender Weite.

Bild: Juliette Chrétien, Flavia Bienz

Bereits die Anreise ist ein Erlebnis. Gemächlich schaukelt das Postauto die kurvige Passstrasse hoch, die sich durch die Appenzeller Hügellandschaft schlängelt. Auf 1110 Metern über Meer angekommen, präsentiert sich ein majestätisches Panorama. Gegen Norden offenbart sich der Bodensee, gegen Süden das Rheintal, das Liechtenstein und die Bündner Berge. Hier auf diesem Hügelkamm thront der Alpenhof, ein langgezogener schlichter Kubus, der auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken kann. 1899 eröffnet, hat das Haus seither zahlreiche Gäste beherbergt. Die letzten 20 Jahre diente die Herberge als Studienzentrum und Seminarort.

Bild: Juliette Chrétien, Flavia Bienz

Vor knapp zwei Jahren schrieb die Besitzerin Mara Züst einen Ideenwettbewerb aus. Laura Röösli und Dominic Chenaux erhielten mit ihrem Konzept, das auf Öffnung setzt, den Zuschlag. Dabei spielt Kulinarik eine wesentliche Rolle. Röösli, die bei Tanja Grandits eine Kochlehre absolviert hat, serviert mehrmals pro Woche auch für externe Gäste ein Mehrgangmenü. Einen offenen Ansatz hat auch das interne Residenzprogramm «People in Residence», das nicht nur Kunstschaffenden offensteht. Es ist ein Programm für alle, die motiviert und interessiert sind – ganz unabhängig von Werdegang oder Projektidee. Zudem soll das Haus in Zukunft während zweier Monate im Jahr für andere Nutzungen zur Verfügung gestellt werden.

Bild: Juliette Chrétien, Flavia Bienz

Als es an die Konkretisierung und Umsetzung ging, holten die Initianten die Textildesignerin Flavia Bienz dazu, die seither an dem Projekt mitwirkt. Im Juli vergangenen Jahres machte sich das Luzerner Trio an die Umgestaltung des Hauses – mit einem breiten Netzwerk und zeitweiliger Unterstützung von bis zu 50 Helferinnen und Helfern. Mit bescheidenem Budget brachten sie den angestaubten «Kulturfrachter», wie der Ort liebevoll genannt wird, zum Glänzen.

Bild: Juliette Chrétien, Flavia Bienz

Gekonnt gesetzte Akzente
Dafür galt es zu entrümpeln, zu putzen und neu zu streichen. Dabei half die Tatsache, dass die Struktur des Hauses – durch einen Umbau im Jahre 2008 – schlicht gestaltet ist und dank der einfachen, aber wertigen Materialien bereits über eine einladende Ausstrahlung verfügt. So ist neben dem rohen Betonboden im ganzen Haus Seekiefernholz zu finden, das zur Verkleidung der Wände eingesetzt wurde.

Bild: Juliette Chrétien, Flavia Bienz

So schön die markante Maserung dieses Holzes wirkt, so schwer ist sie mit weiteren Komponenten aus Holz zu kombinieren. Entsprechend liess sich das Leitungsteam vom Handwerkskollektiv Holz + Sieb für den Speisesaal drei grosse, grafisch anmutende Tische aus verleimtem Seekiefernholz schreinern. Vierer- und Zweiertische bauten sie aus bestehenden Tischgestellen, die sie mit neuen, schwarzen Tischplatten von Faust Linoleum versahen. Dazu kombinierten sie zwei unterschiedliche Stuhltypen von Hay. Eine neue Bartheke ergänzt das Mobiliar im Speisesaal. Armsessel aus dem Bestand, Möbel und Pflanzen aus den Haushalten der Gastgeberinnen und des Gastgebers fügen sich ideal zu einem Ganzen. Diese stimmige Grundgestaltung komplettierte das Dreierteam mit Kunst – dank ihrem grossen Netzwerk konnten sie zahlreiche Werke als Leihgaben aufnehmen.

Bild: Juliette Chrétien, Flavia Bienz

Eine Perle des Hauses ist die Bibliothek von Andreas Züst. Der im Jahr 2000 verstorbene Fotograf, Naturwissenschaftler und Vater der Besitzerin Mara Züst hat eine Bibliothek mit rund 10’400 Büchern hinterlassen, die zu stundenlangem Stöbern und Forschen einlädt. Der anregenden Kontemplation steht nichts im Wege.

alpenhof.ai

Bild: Juliette Chrétien, Flavia Bienz

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