Tanz der Pigmente

Eileen Gray entwarf nur ein Haus von Grund auf. Dennoch hat die Designerin und Architektin die Moderne mit ihrem Werk massgeblich beeinflusst. Insbesondere auch durch ihren Umgang mit Farben. Sie pflegte eine sorgfältige Abstimmung von Pigment und Licht, Oberfläche und Raum. Und erzielte so viel Atmosphäre.

Bild: Manuel Bougot

Das Haus in Roquebrune-Cap-Martin bei Nizza hat eine bewegte Geschichte. Eileen Gray entwirft die «E1027 Maison en bord de mer» für sich und den Architekten Jean Badovici und begleitet den Bau von 1926 bis 1928. Als die Liebesbeziehung in die Brüche geht, überlässt sie das Haus Badovici. Ab 1938 bemalt Le Corbusier in Absprache mit Badovici acht Wände mit seinen auffallenden Wandmalereien. Für Gray bringt die Dominanz der Gemälde das filigrane Gefüge des Hauses aus dem Gleichgewicht. Die Architektin betritt in der Folge das Haus am Meer nie mehr. Die Wandmalereien vermögen der subtilen Farbgestaltung des Hauses jedoch nichts anzuhaben. Doch über die Jahre werden die Originalfarben durch neue Anstriche immer mehr überdeckt. Der letzte Anstrich vor Beginn der zweiten, umfassenden Renovation machte «E1027» zu einem klinisch weissen Kubus, der keinen Bezug zu seiner Umgebung mehr hatte. Ein klarer Fall für Katrin Trautwein, Gründerin und Inhaberin der Farbmanufaktur Kt.Color. Die Farbexpertin hat sich in den 1990er-Jahren einen Namen mit der Rekonstruktion der legendären Le-Corbusier-Farbskala gemacht. So erhielt sie vor einigen Jahren den Auftrag, die Farben im «Maison en bord de mer» im Zuge der zweiten Renovation des architekturgeschichtlich bedeutenden Gebäudes zu rekonstruieren.

Bild: Manuel Bougot

Das Haus von Gray war 1998 unter Denkmalschutz gestellt und 1999 vom Staat Frankreich und der Gemeinde Roquebrune-Cap-Martin erworben worden. Einige Jahre später wurden erste Sanierungsarbeiten durchgeführt. Als Michael Likiermann, ein britischer Geschäftsmann im Ruhestand, auf den Plan trat und die Association Cap moderne gründete, konnten die Sanierungsarbeiten fortgesetzt werden. Der Brite, der seit Jahren in Frankreich lebt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, heruntergekommene, schützenswerte Architekturperlen wieder in ihren Originalzustand zurückzuversetzen. Im Sommer 2021 war die zweite Renovationsphase abgeschlossen und das Haus erstrahlte endlich wieder in altem Glanz – mit neuen alten Farben.

Bild: Manuel Bougot

Farben nehmen Aussenlicht auf
Bei ihrem ersten Besuch im Haus am Meer beeindruckte Trautwein die liebevolle Zuwendung, die jedem Detail, jedem Möbelstück und jeder Farbe im Haus zuteilwurde. Sie war zutiefst berührt, wie die Farben dazu beitrugen, den Umgebungsbezug und die sinnliche Wirkung der Architektur zu vertiefen. «Die Analyse der Kontraste hat mir die Augen geöffnet für die zentrale Bedeutung der Lichtspiegelungen zwischen der umliegenden Natur und Oberflächen im Innenraum», sagt die Farbexpertin. Im Weiteren fand sie einen Ansatz, der ihr aus dem Herzen sprach: nämlich Farben zu entwickeln, die emotional wohltuende Umgebungen erzeugen. Dies gelingt, wenn die Pigmentteilchen mikroskopische Spiegelflächen aufweisen und über einen inneren Regenbogen farbiger Teilchen verfügen. Um die alten Farben zu rekonstruieren, erhielt Trautwein Dutzende Proben von dem Restaurationsteam. Diese untersuchte sie mikrochemisch und mikroskopisch. In einem zweiten Schritt rezeptierte sie die Farben aus den ursprünglich eingesetzten Pigmenten und Bindemitteln. Vor Ort wurden diese von einem Team von Architektinnen, Restauratoren und dem emeritierten Schweizer Architekturprofessor- und Farbexperten Arthur Rüegg geprüft. Auf diese Weise entstanden neue Rezepte für die alten Farben, die nicht nur von der Tonalität, sondern auch von der Materialität her überzeugten.

Bild: Manuel Bougot

Neben diesen Eigenschaften spiegeln die neuen alten Farben die Umgebung wieder. «Jede Farbe hat ihre Entsprechung in der Natur», zeigt sich Trautwein begeistert. Laut der Farbexpertin eignen sich die Farben für alle, die einen intimen Bezug zur Erde, zur Vegetation und zu Gewässern in ihrer Umgebung herstellen möchten. Was die von Gray benutzten Farben zusätzlich so lebendig und stimmungsvoll macht, war der Einsatz von facettenreichen Materialoberflächen. Diese verhelfen den Farben zu interessanten Lichtspiegelungen. So finden sich im Haus zahlreiche Matt-Glanz-Kontraste, transparente Stoffe sowie opake Materialien. Dadurch wird der Aufenthalt im Haus am Meer zu einer einzigartigen, sinnlichen Erfahrung. Einige der erarbeiteten Farben im Rahmen dieses Projektes sind mittlerweile Klassiker in der Kt.Color-Palette.

Das «E1027 Haus am Meer» kann ab April 2023 auf Anfrage besichtigt werden.
capmoderne.monuments-nationaux.fr

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