Mit Tageslicht belebt

Ein Wochenendhaus mitten in einer Dünenlandschaft in Belgien spielt mit Tageslicht und unterschiedlichen Beschattungssystemen. Fast im Stundentakt entstehen so verschiedene Atmosphären, die das Volumen aus Glas und Beton mit Leben füllen.

Das Grundstück, welches sich das Bauherrenpaar aus Antwerpen für seine Wochenendresidenz weit weg vom hektischen Stadtalltag aussuchte, ist spektakulär: Eine üppige, unberührte Düne samt natürlicher Vegetation, bloss durch eine einspurigen Strasse vom Naturreservat Witte Burg getrennt, die sich in der Küstengemeinde Koksijde, nahe der Grenze zu Frankreich und rund 140 km westlich von Antwerpen, befindet.

Bild: Luis Diaz

Sorfältig in die Natur eingebettet
Das Konzept für den Neubau erarbeiteten Koen Pauwels und Wim Van der Vurst, Inhaber von I.S.M. Architecten, gemeinsam mit Paul Ibens (1939–2020), Mitbegründer des renommierten belgischen Innenarchitekturbüros Bataille & Ibens, in dem Pauwels und Van der Vurst zuvor gearbeitet hatten. «Die Bauherrschaft hatte blindes Vertrauen in uns und gab uns eine Carte blanche. Ihr einziger Wunsch waren zwei separate Wohneinheiten; eine für das Paar selbst und eine für die Kinder», erläutert das Architektenduo die Rahmenbedingungen und ergänzt: «Baurechtliche Vorschriften zwangen uns, beide Einheiten in einem einzigen Gebäude unterzubringen.» Für das Entwurfsteam stand von Anfang an fest, dass die Düne so weit wie möglich erhalten und das Haus ein Teil vom Gelände werden sollte. «Die Prämisse des gesamten Projektes war die Beziehung zwischen Gebäude und Natur», ergänzen Pauwels und Van der Vurst. Um der natürlichen Neigung des Terrains zu folgen, ordneten die Gestalter die zwei Stockwerke versetzt an. Beide Volumen – das obere für die Hauseigentümer, das untere für die Kinder – verfügen über separate Wohnungseingänge und werden durch eine Garage im Erdgeschoss getrennt, die gleichzeitig als Hauseingang dient. 

Bild: Luis Diaz

Die Raumanordnung beider Etagen folgt dem gleichen Prinzip: Ein Flur an der Rückfassade fungiert als Längsachse und verbindet Schlafzimmer, Bad, Küche, Esszimmer und Wohnzimmer. Dank grosser Fensteröffnungen am Ende des jeweiligen Flurs wird der Durchgang mit Morgen- und Abendlicht geflutet. Im Erdgeschoss öffnen sich alle Räume zur teils im Terrain eingelassenen Terrasse; im Obergeschoss sind alle Räume zur grosszügigen Südterrasse mit Blick auf die wilde Flora im eigenen Vorgarten und dem angrenzenden Naturschutzgebiet ausgerichtet. Im hinteren Hausteil befindet sich ein vom Landschaftsarchitekten Erik Dhont gestalteter Garten samt Gartenhäuschen. Erwähnenswert ist die Sorgfalt, mit der die Planer den Neubau in die Dünenlandschaft integriert haben. Sein gesamtes Volumen sowie die Art und Weise, wie dieses in die Umgebung eingebettet wurde, ist bloss an der Ostfassade, wo sich der Garageneingang befindet, erkennbar. Und doch lässt sich die Frage stellen, weshalb die Architekten ein so stark mit der Umgebung kontrastierendes Material für den Bau wählten. «Wir strebten diesen Kontrast bewusst an. Das üppige, natürliche Gelände spielt mit der Präzision und Strenge der Architektur und lockert diese auf», lautet ihre Erklärung.  

Bild: Luis Diaz

Dynamische Kontraste
Spezielle Beachtung wurde in diesem Projekt auch der Beschattung geschenkt. «Uns war von Anfang an bewusst, dass eine solche Öffnung der Südfassade ein umfangreiches Beschattungssystem erforderte, um Überhitzung zu vermeiden», so Pauwels und Van der Vurst. Also verlängerten sie in beiden Etagen die Betonträger nach draussen; diese dienen nun als Aufhängung der Stoffmarkisen. Dies schafft einerseits eine Verbindung zwischen Innen- und Aussenraum, andererseits «ist das Textil durch die Art und Weise, wie es sich mit dem Wind bewegt, ein poetisch-verspielter Kontrast zum starren Beton». Zusätzlich zu den Markisen wurden alle Fenster mit Lamellenstoren ausgestattet. «Die feinen Lamellen brechen das einfallende Licht, ohne den Ausblick gross zu behindern. Je nach Sonnenstand werden unterschiedliche Schattenbilder an Wand und Boden geworfen. Und so verändert sich das Raumambiente mit dem Wetter sowie mit der Tages- und Jahreszeit», sagen die belgischen Architekten zum gewählten System.

Bild: Luis Diaz

Das natürlich-dynamische Spiel von Licht und Schatten unterstreiche die Beziehung zwischen Natur und Gebäude zusätzlich und ergänze das abstrakte und statische Volumen. «Die Architektur strebt nach Zeitlosigkeit, die durch die Materialwahl und dem monochromatischen Aspekt verstärkt wird. Durch den Einsatz verschiedener Beschattungssysteme können unendliche Variationen und Atmosphären geschaffen werden, die diese zeitlose Architektur zum Leben bringen und in ein Zuhause verwandeln», bringen Koen Pauwels und Wim Van der Vurst die Essenz des Wochenendhauses abschliessend auf den Punkt.
ismarchitecten.be

Bild: Luis Diaz

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