Freundschaftsprojekt

Freundschaftsprojekt

Sessel «Sanluca», Poltrona Frau

Dieser schwungvolle Sessel mit dem be­wegten Wellenmuster ist Teil einer auf 100 Stück limitierten Serie. Er ist eine Hommage an den italienischen Altmeister Achille Castiglioni, seinen Bruder Pier Giacomo und den Schweizer Grafiker Max Huber.

Die Sonderkollektion «Sanluca ­Limited Edition» könnte man als posthumes Gemeinschafts- und Freundschaftsprojekt bezeichnen. Denn das Möbeldesign stammt von Achille Castiglioni (1918–2002), die speziell für diese Kollektion entwickelten Textilien hingegen tragen das Motiv eines Bildes von Max Huber (1919–1992): des bis heute unveröffentlichten Werks «Geophysical Waves» (1964–1968). Doch werfen wir einen Blick zurück ins Mailand der Nachkriegszeit, wo das Industriedesign gerade zur Hochblüte ansetzte. Achille Castiglioni führte seit 1944 zusammen mit seinem Bruder Pier Giacomo Castiglioni (1913–1968) ein Designbüro. Bekannt wurden sie unter anderem mit legendären Readymades. Allen voran «Mezzadro» (1957), ein Traktorsessel auf einem simplen Untergestell, oder «Toio» (1962), eine Leuchte mit einem handelsüblichen Autoscheinwerfer, der auf eine simple Stahlstange montiert wurde. Die Brüder entwarfen praktisch für alle damals federführenden italienischen Designunternehmen wie beispielsweise Zanotta, Flos, Alessi, De Padova oder Poltrona Frau. Der Entwurf für den Sessel «Sanluca» stammt aus dem Jahr 1961. Fast könnte man meinen, die kurvige Silhouette und die skulpturale Form seien die Folge formaler Spielerei gewesen. Doch Marco Romanelli, der Creative Director dieser Sonderedition (siehe auch folgendes Interview), widerspricht: «Nur wenige verstanden das für damalige Zeiten revolutionäre Design: Es ging nicht um pure Form, sondern um pure Funktion.» Tatsächlich wollten die Gebrüder Castiglioni einen Sessel entwerfen, der mit minimalem Materialeinsatz maximalen Komfort bot. Bei der Entwicklung folgten sie konsequent der Maxime, die ihr Schaffen geprägt hat, nämlich der Reduktion auf das absolut Notwendige. So entstand die Idee mit der in zwei bogenförmige Elemente geteilten Rückenlehne, die von Autositzen inspiriert war und ergonomischen Überlegungen folgte. Die Bogenform wird bei den Seitenteilen bzw. den Armlehnen wieder aufgenommen. «Sanluca» gehört heute zu den Ikonen des italienischen Edelherstellers Poltrona Frau. Nach einigen Jahren Unterbruch wird er seit 2004 wieder produziert mit Lederbezügen. Für die Sonderedition werden hingegen die eigens entwickelten Stoffe eingesetzt. Und hier kommen wir zum zweiten Protagonisten dieser Geschichte: Max Huber.

Der gebürtige Zuger studierte in den 30er-Jahren an der Kunstgewerbeschule ­Zürich, wo Max Huber mit den Ideen von Max Bill vertraut und nachhaltig beeinflusst wurde. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs zog es ihn nach Italien, wo er in einem bekannten Grafikatelier arbeitete und in den 50er-Jahren Art Director von Rai und Chefgrafiker des bekannten Kaufhauses Rinascente war. Er gestaltete zahlreiche Werbeplakate für Olivetti oder Rinascente sowie Zeitschriften- und Plattencovers. Hubers Arbeit veränderte sich weg vom strengen Schweizer Ansatz hin zum kreativen Stil mit Farben, Flächen und Schriften.

 

Zur Entstehungsgeschichte der Sonderkollektion hat uns Marco Romanelli im folgenden Interview Auskunft gegeben. Er ist frei schaffender ­Kurator und hat bereits bei diversen Projekten mit Poltrona Frau zusammengearbeitet. Zum Beispiel auch bei der Entwicklung der Kollektion «Icone» zwischen 2013 und 2016.

Herr Romanelli, welche Punkte fanden Sie in der Recherchearbeit besonders interessant?
Meiner Meinung nach brauchte es für ­diesen speziellen, berühmten und skulpturalen ­Sessel ­einen Bezugsstoff, der zur kurvenreichen Produktform passt und sie sogar noch unterstreicht. Es durfte nicht einfach ein beliebiger Stoff sein für diese Edition, bei der des 100. Geburtstags von Achille Castiglioni und dem 50. Todesjahr von Pier Giacomo Castiglioni gedacht wird.

Und warum haben Sie ausgerechnet Max Huber ins Spiel gebracht?
Wichtig bei diesem Projekt war, sich in die Entstehungszeit des Sessels, in die 60er-Jahre, zurückzuversetzen. Deshalb ging ich der Frage nach, welche Stoffmuster für diese Epoche besonders typisch waren. Leider werden heute bei ähnlichen Projekten oft ganz unterschiedliche ästhetische Ansätze vermischt. Das wollte ich vermeiden. Weil es im Werk der Gebrüder Castiglioni aber keine Grafiken gibt, die sich auf ein Textil hätten übertragen lassen, fragte ich mich, wessen Grafiken aus jener Zeit am besten passen würden. Die Antwort war klar: Max Huber!

Wie beschreiben Sie die Beziehung ­zwischen den Castiglionis und Max Huber?
Da müssen wir zunächst in die Zeit zwischen 1950 und 1970 eintauchen. In den Nachkriegsjahren wurde in Mailand eine geballte Ladung Energie freigesetzt. Es herrschte eine unglaubliche Energie und Aufbruchstimmung. Die Architekten, Künstler und Designer, aber auch die Hersteller stiessen in ganz neue Sphären vor, entwickelten neue Materialien und Herstellungstechniken, dachten alles neu. Der Austausch unter den Kreativen war intensiv. Auch zwischen den Gestaltern Castiglioni und dem Grafiker Huber. Sie begannen, gemeinsame Projekte zu entwickeln für die Fernsehstation Rai und für die Chemiefirma Montecatini, und schon bald wurde aus ihrer Zusammenarbeit eine wahre Freundschaft, die weit über das Geschäftliche hinausging. Es war eine enge Verbindung bis zum Tod.

Warum haben Sie ausgerechnet die ­Zeichnung «Geophysical Waves» als Vorlage für den Stoff gewählt?
Wie bereits gesagt, sollte es ein Muster sein, das die damalige Zeit widerspiegelt. Das Werk befasste sich mit dem Thema Wellen bzw. Kurven wie der Sessel auch. Als ich auf dieses Werk stiess, wusste ich sofort, dass ich am Ende meiner Recherchen angelangt war. 

Was war für Sie als Kurator die grösste Schwierigkeit in diesem Projekt?
Die Übertragung der Zeichnung auf den Stoff von Hunderten Metern Länge. Auch wenn das hauseigene Studio von Poltrona Frau Simulationen und Renderings machen konnte, zeigten erst die Prototypen, ob es auch funktioniert. ­Somit kann man sagen, dass die Stoffentwicklung trotz technologischen Hilfsmitteln ein Sprung ins Leere war. 

Spezifikationen
Design: Achille und Pier Giacomo Castiglioni
Hersteller: Poltrona Frau
Besonderheit: Limitierte Auflage ­(50 Stück mit Weiss auf schwarzem Stoff, 50 mit Schwarz auf weissem Stoff)
Produktionsjahr: 2018