Kumulierte Akribie

Wort: Paula Mühlena / Bild: ZVG
Minotti steht für Perfektion; Hannes Peer ebenso. Dahinter stehen ein feines Gespür für Zeitlosigkeit, eine enge Zusammenarbeit und kompromisslose Qualität. Ein Gespräch mit dem Designer und Architekten.

Hannes Peer hinter seinem Design «Riley» für Minotti, Kollektion 2025: Geradlinig in der Gesamtwirkung, zeigt das Sitzprogramm im Detail – etwa im geschwungenen, grafischen Motiv – eine weiche Dynamik.

Hannes Peer, Sie sind Architekt und Designer. Ein Blick auf Ihre Arbeiten offenbart eine eklektische Palette. Was ist für Sie Inspiration?
Inspiration kommt von überall. Entscheidend ist, dass sie kontextbezogen ist. Ein Wohnprojekt in Mailand ist anders als eines in Paris, und ein Hotel in New York hat wieder ganz andere Bedingungen. Ob Design-, Interior-, Architektur- oder Städtebauprojekt: Zunächst heisst es Hausaufgaben machen. Recherchieren, recherchieren, recherchieren – Inspiration bedeutet Wissen aneignen.

Begegnen Sie also jedem Projekt bewusst von Neuem?
Ja. Wir wiederholen keine Projekte – ein neues Projekt muss auch neu angefangen werden. Es geht mir nicht darum, eine gestalterische Unterschrift zu haben, die dann auf alle möglichen Projektsituationen gekleckert werden kann. Bei uns im Büro heisst es oft «massgeschneidert»: Jedes Projekt ist grundverschieden und wird aus einem eigenen Blickwinkel angepeilt. Dieser Ansatz ist tief in mir verankert – eine kreative Unruhe, die ich von meiner Mutter mitbekommen habe. Sie hat meine Neugierde, schon seit ich klein bin, sehr angespornt.

Nach dem Sitzprogramm «Yves» (2024) haben Sie 2025 mit «Riley» erneut ein Sitzprogramm für Minotti entwickelt. Wurde «Riley» Ihrer Antwort zufolge auch als eigenständiger Neuanfang gedacht?
Absolut. Das «Yves»-Modularsystem ist ausserordentlich gut angekommen – da musste das nächste Sofa-Projekt für Minotti diametral anders sein. Ich interessiere mich auch als Designer und Architekt stark für Markt-Pertinenz. «Riley» wurde deshalb als Negativ zu «Yves» angelegt – als bewusst eigenständige Antwort.

Können Sie uns in Ihre formalen Überlegungen mitnehmen?
Bei «Yves» hatte ich von Beginn an etwas Organisches vor Augen. In den Gesprächen mit der Minotti-Familie ging es um eine Landschaft, verspielte Module und eine gewisse Weichheit in der Form. Das speiste sich auch aus meiner Recherche – etwa Sofasysteme von Vladimir Kagan und Pierre Paulin aus den 1950er- bis 1970er-Jahren. «Riley» hingegen sollte extrem linear sein. Mein Ziel war es, vor allem die Horizontale zu extremisieren. Es sollte ein klassisches Modularsystem bleiben, aber eben neu interpretiert.

Wie haben Sie diese Visionen für «Riley» konkret umgesetzt?
Die klare horizontale Linie entsteht besonders über die Polsterung: Optisch liegen nur wenige Zentimeter Polster auf dem Untergestell, während es seitlich deutlich tiefer ist – eine optische Illusion. Nach vorn wird die Linie durch Verwinkelungen extremisiert. Als Referenz diente hier etwa Joe D’Urso: Sein Calvin-Klein-Apartment aus den 1970er-Jahren markierte den Beginn der New-York-Loft-Ära. So zeigt «Riley» nach aussen präzise 90-Grad-Kanten, aber nach innen wird es weich und einladend.

Formale Präzision trifft organische Volumina: Das Sitzprogramm «Yves» aus der Kollektion 2024 überführt den Charme der 1970er-Jahre in eine zeitlose Gegenwart.

Sie haben nicht nur diese beiden Sitzprogramme für Minotti gestaltet – insgesamt sind es rund 30 Projekte. Das wirkt wie die Bilanz einer 15-jährigen Partnerschaft. Tatsächlich sind es «nur» die Kollektionen 2024 und 2025. Wie organisiert sich der Gestaltungsprozess bei Minotti – welche Rolle spielen Sie dabei als Designer?
Als Designer bringe ich Impulse – den Initial Spark. So etwa die Vision und die Recherchen von etwas Organischem für das «Yves»-System. Im weiteren Prozess ist es dann eine Zusammenarbeit. Bei Minotti sind wir 20 bis 30 Leute, die gleichzeitig an dem Projekt arbeiten. Es geht wie in einer Bottega zu – oder so wirkt es auf mich in meiner romantischen Vorstellung. So ist auch immer die Minotti-Familie Teil des Prozesses – sowohl Renato und Roberto Minotti, die 1991 die Firma nach dem vorzeitigen Tod ihres Vaters Alberto Minotti übernahmen, als auch ihre Kinder. Es wird viel diskutiert – das Endprodukt ist oft weit von meinen anfänglichen Ideen entfernt.

Wonach streben Sie – und Minotti –, wenn Sie eine neue Kollektion
angehen?
Für mich steht immer die Relevanz eines Produktes im Zentrum und die Leitfrage: Wann kann ein Design-Objekt ein zukünftiger Klassiker werden? Nachhaltigkeit bedeutet für mich, ein Design-Objekt zu schaffen, das eine Familie für Jahrzehnte in den eigenen Raum hineinlässt. Diese Verantwortung spüre ich – und Minotti ebenso. Nur das Hier und Jetzt zu bedienen, das ist zu kontemporär. Diese Einstellung haben Minotti und ich sofort geteilt.

Wie kann das erreicht werden und was macht Minotti in dieser Hinsicht besonders?
Bei jedem Entwurf laufen parallel Machbarkeits- und Wirtschaftlichkeitsstudien – Relevanz heisst auch Preis-Pertinenz. Dazu kommt eine sehr klare Positionierung: zu wissen, wo die Marke steht und wohin ein Produkt sie weiterbringt. Darin ist Minotti wirklich gut. Für mich ist jedoch eines der Herzstücke die Prototypenarbeit. Bei Minotti funktioniert auch das wie in einer Bottega: Alle ein bis zwei Wochen stehen neue Modelle im Atelier. Wir schneiden Sofas auf, justieren Proportionen, tauschen Unterstrukturen, testen Metallteile und Finishes – und das alles live vor Ort. Morgens hat man vielleicht an einem Metall-Detail noch etwas justiert – am Nachmittag liegt das neue Teil auf dem Tisch. Für «Yves» entstanden rund 20 Prototypen, für «Riley» etwa 15; bis drei Wochen vor der Messe in Mailand haben wir noch an Details gefeilt – aber genau diese Hartnäckigkeit als auch die enorme Expertise in der Fertigung, führen zur Qualität. Der zweite bedeutende Kern ist die finale Fertigung selbst. Alles wird in Italien produziert, alles ist nahezu Zero-Kilometer. Dank des über Jahrzehnte gewachsenen Einzugsgebiets von Know-how und verschiedenen Firmen – dieses Network, das sie aufgebaut haben – das ist das Rezept für das zeitlose High-End-Produkt, das Minotti letztendlich anbietet und das nicht nur heute überzeugt, sondern auch morgen Bestand hat.

Ist das nicht ein Paradies für Sie als Designer?
Definitiv. Ich schätze diese aussergewöhnlichen Fertigungsfähigkeiten enorm. Hinzu kommt der persönliche Umgang: Jeder Dialog ist respektvoll, aufrichtig und auf Augenhöhe. Ich möchte fast sagen: Wir haben uns «professionell verliebt». Das macht es mitunter schwierig, wenn ich mit anderen Unternehmen arbeite, die nicht alles so perfekt wollen wie Minotti. Morgen bin ich wieder dort – neue Prototypen warten – und ich kann es kaum erwarten, wie ein kleines Kind, das Weihnachten entgegenfiebert.

minotti.com
hannespeer.com


 

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