Einigung auf ein Vorbild

Wort: Irène Münger / Bild: Archiv Atelier 5
Die Berner Architektengemeinschaft Atelier 5 wurde 1955 gegründet und bereits mit ihrem ersten Siedlungsbau international berühmt. Das Prinzip der Gleichberechtigung aller Teilhaber und ihre gemeinsame Bewunderung für das Werk Le Corbusiers prägten die Arbeiten der ersten Jahre und wurden massgebend für den Zusammenhalt der jungen, idealistischen Gruppe.

In einer Waldlichtung nahe Bern stellte das ortsansässige Architekturbüro Atelier 5 1962 seinen ersten Siedlungsbau fertig. Die Halen-Siedlung ist bis heute Sinnbild einer architekturphilosophischen Haltung, die durch ein Zusammenspiel von öffentlichem und privatem Raum bestimmt wird. Sie ist ein Meilenstein der modernen Architektur und verbindet Elemente der klassischen Moderne mit strukturellen Charakteristiken der Berner Altstadt. Für das Atelier 5 wurde Halen zum Lehrstück und zur Leitlinie.

Die fünf jungen Architekten Erwin Fritz, Samuel Gerber, Rolf Hesterberg, Hans Hostettler und Alfredo Pini schlossen sich 1955 zusammen. Vier der fünf waren beim Schweizer Architekten, Hochschulprofessor und Vertreter der zweiten Architektengeneration des Neuen Bauens, Hans Brechbühler, tätig, der in den 1930er-Jahren Mitarbeiter von Le Corbusier gewesen war. Die ersten Arbeiten des Atelier 5 sind deutlich dem Übervater der Architektur verpflichtet und gleichzeitig eigenständige Werke. Das Haus Merz am Nordufer des Murtensees ist neben dem Haus Alder in Rothrist das am meisten auf Le Corbusier bezogene Haus des Atelier 5. Beide Häuser waren für die Gruppe eigenwilliger, junger Gestalter Experimentierfelder.

Der Jüngste war damals 23-jährig, der älteste knapp 30 Jahre alt. 1956 kamen Niklaus Morgenthaler und 1959 Fritz Thormann dazu. Für die Männer war das Büro in der alten Ryff-Fabrik an der Sandrainstrasse 3 in Bern ihr Zuhause. Gerber und Morgenthaler mit seiner Familie wohnten direkt neben dem Atelier. Es war die Zeit des festlichen Beisammenseins und der kreativen Plauderei, als jeweils am Samstagabend das Künstler-Bern die Wohnung der Morgenthalers stürmte, um bis spät in die Nacht zu feiern und zu philosophieren. Das künstlerische Umfeld in dieser Zeit wurde in Bern von Namen wie Harald Szeemann, Meret Oppenheim, Balthasar Burkhard und Bernhard Luginbühl geprägt.

Beginn einer eigenen Sprache
Das Projekt Halen war die gemeinsame Basis der ersten Jahre; als Referenz galten die Arbeiten Le Corbusiers. Der Zuspruch dem Vorbild gegenüber blieb weiterhin erhalten, doch ging es den Architekten immer weniger um formale Aspekte als um eine Grundhaltung, die aus den Bedürfnissen heraus nach Lösungen sucht und dabei die baulichen Möglichkeiten ihrer Zeit ausschöpfte. Die praktische Arbeit an der Halen führte zu mehr Interesse am Bauprozess, an der Materialverwendung und an neuen Konstruktionen. Die Reflexion und die Selbstkritik an der eigenen Arbeit wurden für das junge Architektenkollektiv, das sich um einige Partner erweiterte, immer wichtiger.
Nach der Fertigstellung der Siedlung ging das Auftragvolumen zunächst zurück. Aufträge kamen weiterhin durch persönliche Beziehungen. Eine Reihe von Mehrfamilienhäusern wurde gebaut und einige Einfamilienhäuser entstanden. Die Casa Citron in Carona, das Haus Brossi in Gerlafingen sowie das Haus Möhl in Kerzers (siehe Wohnreportage S. 36).

Ab Mitte der 1960er-Jahre konnte das Architekturbüro in Deutschland Fuss fassen und realisierte unter anderem die Bebauungen Werther und Steinhagen. In der Folge konnte sich Atelier 5 auch in der Schweiz noch stärker etablieren und einem seiner grössten Anliegen, dem Bau von Siedlungen nachgehen. Mit dem Projekt Thalmatt 1 zeigte das Studio bereits Anfang der 1970er-Jahre auf, dass auch eine grössere Anzahl individuell geplanter, verschiedenartig gestalteter Einfamilienhäuser zu einem einheitlichen «Ensemble» zusammengefügt werden kann. «Alle Projekte, deren Realisation wir im Laufe der Zeit aus eigener Kraft angestrebt haben, sind gekennzeichnet von der Suche nach dem Ensemble. Die Gruppierung der Häuser ist es, die uns als Erstes interessiert und innerhalb dieser erst das einzelne Haus.» So ein Zitat der Architekten im Buch «Atelier 5», mit Fotografien von Balthasar Burkhard, erstmals erschienen 1986 im Ammann Verlag.

Autorengemeinschaft
Der Beginn der Geschichte des Atelier 5 ist eine Geschichte der Ideen und Überzeugungen einer visionären Gruppe von jungen Berner Architekten. Die Gleichberechtigung der Teilhaber war ihr höchstes Prinzip. Dies äusserte sich in der gleichen Beteiligung, dem gleichen Lohn und der gleichen Haftung, sowie in der flachen Hierarchie. Die unterschiedlichen Arbeitsbereiche wurden als gleichwertig angesehen, die Autorenschaft war immer die Gemeinschaft.
Atelier 5 gehört heute zu den etabliertesten Büros der Schweiz und die Halen-Siedlung ist bis heute ein Ziel des Architekturtourismus. Das Bekenntnis zum Dialog als Arbeitsmethode wird fortgesetzt. Ecken und Kanten sind weicher geworden, die Lust am Neuen ist geblieben.

atelier5.ch


 

 

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