Dialog mit dem Unmittelbaren

Mit ihren schillernden Outfits gilt die englische Designerin Bethan Laura Wood als Paradiesvogel in der europäischen Designwelt. Durch aussergewöhnliche Farbkombinationen und atypische, üppige Formgebungen lässt sie die Grenze zwischen Kunst und Design verschwimmen. Neben ihren zahlreichen Reisen inspiriert sie ihr Wohnort East London immer wieder aufs Neue.

Bild: Emanuele Tortora

Laura Bethan Wood, wie hatten Sie als Kind Ihr Zimmer dekoriert?
Das Zimmer meiner Kindheit hatte gelbe und blaue Tapeten. Ich durfte keine Wände streichen und keine Poster aufhängen, weil die Reissnägel die Tapete beschädigen würden. Das ist wohl der Grund, weshalb ich anfing, kleine Objekte zu sammeln. Das gab mir die Möglichkeit, den Raum nach meinem Geschmack zu gestalten. Und ich träumte davon, in meinem Zimmer ein «Strand-Wandbild» zu malen.

Gibt es Farbkombinationen oder Gegenstände, die Sie an Ihre Kindheit erinnern?
Ja, das Hellgelb und das Hellblau dieser erwähnten Tapeten! Diese beiden Farben bringe ich selten zusammen, weil sie mich zu sehr an meine Kindheit erinnern. Eine positiv konnotierte Farbe aus dieser Zeit ist hingegen Mintgrün. Denn einer der ersten Gegenstände, den ich gekauft habe, als ich noch zu Hause wohnte, war eine ovale Schale aus den 1950er- Jahren, in einem wunderbaren Mintgrün! Leider habe ich die Schale nicht mehr. Doch ich erinnere mich sehr gut an dieses Stück und der frische Grünton ist bis heute eine meiner Lieblingsfarben.

Bild: Emanuele Tortora

In Ihrer Arbeit gibt es viele Bezüge zu anderen Kulturen und deren traditionellen Mustern und Ornamenten. Lassen Sie sich dazu auf Ihren Reisen inspirieren?
Nach meinem Masterstudium in London erhielt ich einige Stipendien und hatte die Möglichkeit, mich längere Zeit in Italien aufzuhalten. Dort konnte ich mit lokalen Handwerkern zusammenarbeiten, was sehr inspirierend war. Später wurde ich nach Mexiko eingeladen, was die Ästhetik meiner Arbeit auch stark beeinflusste. Nach meinen Korea-  und Japan-  Reisen habe ich ein Projekt mit «Wonderglass» realisiert. Der Einfluss der einzigartigen asiatischen Holz-und Handwerkskunst sowie der kunstvollen Tempelbauten ist in dieser Arbeit ersichtlich. Auch in meiner Einzelausstellung in der Galerie Nilufar in Mailand waren Inspirationen dieser Reisen erkennbar. Ich muss jedoch nicht immer in einem bestimmten Land sein, um mich von seiner Kultur beeinflussen zu lassen. In etlichen meinen Entwürfen sind verschiedenste Bezüge zu meinem Wohnort London vorhanden. Ich liebe es, hier über Flohmärkte, Blumen- und Gemüsemärkte zu bummeln, tief in deren visuelle Reize einzutauchen und mich von deren einzigartig-  bunten Mischungen inspirieren zu lassen. Einige meiner ersten Arbeiten haben afrikanische Einflüsse. Auf den Märkten in East London gibt es eine Menge Wachs-Textilien und ich fühlte mich damals von deren Muster und Farben ästhetisch sehr angezogen. Es ist mir jedoch wichtig, das Original anzuerkennen und respektvoll damit umzugehen. Bezug darauf zu nehmen und die richtige Balance für eine Umsetzung zu finden, die hoffentlich respektvoll ist, kann eine wunderbare Herausforderung sein.

Und London?
Meine Stadt inspiriert mich schon lange. Als ich in den 1990er- Jahren nach East London zog, um zu studieren, war die Clubkultur der 1980er - Jahre immer noch spürbar. Die Kostümpartys und Performances in den Nachtklubs «Boombox» und «Taboo» sind bis heute legendär. Der hedonistische Gründer Leigh Bowery war eine ikonische Figur, die sich durch die Kreation und das Tragen aufwendiger fetischistischer Kostüme ausdrückte und viele zeitgenössische Designer inspirierte, wie auch mich.

Bild: Emanuele Tortora

Muster, Ornamente, Farben und Textilien stehen in Ihrem Werk im Mittelpunkt. Bis vor Kurzem wurde dies eher als weibliche Thematik angesehen. Beeinflusst die weibliche Perspektive Ihre Arbeit?
Ich identifiziere mich als Frau und glaube, dass ein eigener Stil beziehungsweise eine eigene Ästhetik aus vielen verschiedenen persönlichen Komponenten und Erfahrungen entsteht. Meine Identität als Frau hat demnach auch einen direkten Einfluss auf meine Arbeit. Ich habe einige Arbeiten realisiert, die sich mit dieser Thematik befassen. Zum Beispiel die Auftragsarbeit, die ich soeben für die National Gallery of Victoria in Australien gemacht habe. Dieser Auftrag wurde speziell für die Förderung von Frauen im Design konzipiert. Ich habe die Gelegenheit genutzt, mich mit diesem interessanten Thema auseinanderzusetzen.

Welches sind Ihre Erkenntnisse daraus?
Es gibt in der Designwelt einige Bereiche, die sich historisch als eher männlich oder eher weiblich zurückverfolgen lassen, insbesondere die textilen und dekorativen Fachgebiete. Heute gibt es eine Menge männliche Designer, die textil- und musterorientiert arbeiten. Doch lange Zeit war den Frauen ausschliesslich die Oberflächengestaltung erlaubt, meist in Form von textilem Kunsthandwerk. Exemplarisch dafür ist die Anekdote von Charlotte Perriand, als sie das erste Mal von Le Corbusier zum Vorstellungsgespräch eingeladen und mit den Worten abgelehnt wurde: «Wir sticken hier keine Kissen!»

Bild: Emanuele Tortora

Wie sieht es heute aus?
Auch heute ist es in unserer Branche noch ein Thema, dass Frauen mehr können, als sich mit Textilien zu befassen und Muster und Stickereien zu entwerfen. Doch andererseits darf man diese Kunstfertigkeit, die durchaus von Frauen entwickelt wurde, in keiner Weise abwerten. Sie ist bis heute ein einzigartiger Ausdruck von Kultur, Sprache und Geschichte.

In Ihrer Arbeit sind einige Parallelen zur Innenarchitektur des Barockzeitalters zu erkennen, wie die Verwendung von opulenten Dekorationen, Mustern und Verzierungen, oder auch die Arbeit mit Vergrösserungen und Illusionen. Wie sehen Sie das?
Bestimmt befinden sich einige meiner Arbeiten im Dialog mit dem Interior- Design des Barocks. Das liegt wohl daran, dass sie sehr facettenreich sind. Manchmal handelt es sich um eine Schichtung von Muster auf Muster oder Farbe auf Farbe. Es kann auch eine erzählerische Schichtung sein. Diese Vielschichtigkeit ist das häufigste verbindende Element meiner Arbeiten. Daraus kann sich eine barocke Ästhetik ergeben. In den USA herrscht derzeit – insbesondere in der Welt des Designs – eine sehr übertriebene, farbenfrohe, barocke, intensive Ästhetik. Einerseits weist meine Arbeit Elemente auf, mit denen sie damit in Verbindung steht. Andererseits ist sie in Bezug auf diese Strömung doch eher minimalistisch.

Bild: Emanuele Tortora

Beziehen Sie sich in Ihrer Arbeit oft auf bestimmte Zeitepochen?
Als ich das Projekt für Perrier-Jouët realisierte, musste ich einen Weg zum Art Nouveau finden, weil die Marke sehr stark mit dieser kunstgeschichtlichen Epoche in Verbindung steht. Zuvor hat mich diese Ästhetik nicht interessiert und wahrscheinlich hätte ich mich ihr nie zugewandt, wenn ich diesen Auftrag nicht erhalten hätte. Doch das Endprodukt ist sehr gelungen. Ich mache gerne Arbeiten, die Referenzen zu einer bestimmten Zeitepoche haben. Ich mag die Herausforderung, einen Weg zu finden, mit einer Ästhetik umzugehen, mit der ich noch nicht vertraut bin.

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