Schlafen, wo das Leben tobt

Schlafen, wo das Leben tobt

Zu Besuch bei der 30-jährigen Nina

Mitten im Langstrassenquartier zu wohnen, ist nicht jedermanns Sache. Für die 30-­jährige Nina ist ihre hübsche Wohnung im Zürcher Kreis 5 jedoch der perfekte Rückzugsort. Sie findet die Ruhe im Lärm, die Ordnung im arrangierten Chaos – wie auch ein Blick in ihr kleines Bijou verrät.

Sie wurde runde 30 Jahre alt, und das musste natürlich gefeiert werden! Ninas kleine, aber feine Sause mit Freunden fand in ihrem Apartment statt. «Für einmal war nicht nur auf der Strasse Action, sondern auch bei mir daheim», resümiert sie lachend. Ihr lichtdurchflutetes Zuhause befindet sich unweit von der Langstrasse im Zürcher Kreis  5. Besonders abends, wenn Licht in der Wohnung ist, werfen neugierige Passanten schon mal einen Blick in ihr Zuhause im 4. Stock. «Als ich eingezogen bin, habe ich mir noch Gedanken darüber gemacht, ob jemand hereinschaut», erzählt sie und gesteht: «Doch heute ertappe ich mich eher dabei, dass ich selbst das Geschehen in den Nachbarhäusern oder das Treiben auf der Strasse beobachte, statt die Vorhänge zu ziehen.» Die grossen Fenster ermöglichen aber nicht nur Ein- und Ausblicke, sondern sie beeinflussen auch das Schlafverhalten: «Im Sommer wird es ziemlich laut hier oben», erklärt Nina. «Bei schönem Wetter wird die Wohnung tagsüber von der Sonne aufgeheizt – nachts muss man deshalb die Fenster offen lassen.» Die Gäste der zahlreichen Bars und Restaurants in der direkten Nachbarschaft scheren sich nicht darum, ob ihr Gelächter, Gejohle oder Gezänke in den frühen Morgenstunden im 4. Stock zu hören sind. «Von hier oben bekommt man alles hautnah mit, was das Leben so zu bieten hat», schmunzelt sie und ergänzt: Schlägereien, Polterabende, Beziehungsdramen, Unfälle und vieles mehr. Eingezogen ist Nina vor vier Jahren. Die diplomierte Pflegefachfrau ist im beschaulichen Schwarzhäusern im Kanton Bern aufgewachsen. «Mit 17 Jahren ging ich weg von zu Hause und wohnte erst in einem alten Bauernhaus mit lauschigem Garten. Später bin ich in einen kantigen Neubau am Waldrand gezogen.» Mitte zwanzig trieb es sie dann aber in die Stadt: «Ich liebe das urbane Leben in Zürich. Im Vergleich zu meinen früheren Wohnorten ist es aufregend und geradezu anonym – das passt sehr gut zu meiner aktuellen Lebenssituation.» Eine hohe Wohnqualität ist ihr seit ihrer Kindheit wichtig: «Ich brauche ein Nest, in das ich mich zurückziehen kann – eine kleine Oase, in der ich den Alltag hinter mir lasse», betont sie. «Da die Wohnung keinen Balkon hat, sind mir Zimmerpflanzen extrem wichtig – ohne Kakteen und Topfpflanzen würde ich mich nicht wohlfühlen.» Ihren Einrichtungsstil beschreibt die charmante 30-Jährige als «bunten Mix aus Trouvaillen, Klassikern und Erbstücken». Ihr Lieblingsplatz in der Wohnung ist das De-Sede-Sofa mit Samtbezug in Petrol. Ihr Freund ist ein grosser Fan von Trix und Robert Haussmann, die für das Design verantwortlich zeichnen – er hat das Vintagesofa für Nina ersteigert.

Die grossen Fenster und die offene Raumstruktur sorgen für ein helles Ambiente und lassen die 2,5-Zimmer-Wohnung grösser wirken. Vom Wohnzimmer führt ein direkter Durchgang via Küche und Bad ins Schlafzimmer. Das aufziehbare «Scheren-­Bett» von Thut hat sich Nina beim Umzug nach Zürich gekauft: «Ich wusste nicht, ob ich lange in der Wohnung bleiben würde, und habe mich deshalb für dieses Modell entschieden.» Müsste sie aufgrund wechselnder Lebensumstände in eine kleinere Bleibe umziehen, wäre das Bett einfach anpassbar. Für den Moment möchte sie aber keinesfalls weg von hier. «In 30 Jahren werde ich aber mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht mehr so zentral in der Stadt leben – irgendwann zieht es mich bestimmt wieder aufs Land.» Bis dahin geniesst sie ihre persönliche Stadt­oase mit Blick aufs bunte Treiben im quirligen Kreis 5.

Wort
Benjamin Moser

Bild
Simon Habegger