Marmorne Marien

illustration: helena zingarella

Marmorne Marien

Jonas Balmer

Der 21-jährige Slam-Poet studiert Kulturanthropologie und Philosophie an der Universität Basel. In seiner Kolumne für die Wohnrevue schreibt er über Mailand – obwohl er noch nie dort war…

Ich soll etwas über Mailand schreiben. Das stellt für mich zum einen eine Schwierigkeit und zum anderen eine Möglichkeit dar. Ersteres, weil ich noch nie in Mailand war, und Letzteres, weil ich noch nie in Mailand war. Beide, weil sich mir die Frage stellt, ob ich überhaupt in irgendeiner Situation wahrheitsgetreu über diese schreiben kann, da doch alles, was ich schreibe, vorerst den Filter meiner Wirklichkeitswahrnehmung passiert. Ist es also schlimm, dass ich noch nie in Mailand war und trotzdem darüber schreibe? Ich kenne Mailand ja nicht nicht: Ich hörte von Freunden und Bekannten Geschichten über Mailand, ich erfuhr in einer kunsthistorischen Vorlesung zu Leonardo da Vinci über hochkulturelle Blüten und in einem kulturanalytischen Seminar zu Modegeschichte über schneidernde Pioniere, ich sah Bilder, hörte Berichte und formte so meine eigene Komposition der Stadt. Und darin kann ich mich frei bewegen. Ich wandle durch prunkvolle Fantasie-Palazzi, bewundere die Architektur, die eine erträumte Piazza säumen, lausche der Vorstellung einer akustischen Darbietung von Verdi, lasse meine gedankliche Spiegelung mit elegant gekleideten Schaufensterpuppen verschmelzen und sehe mich an mentalen Manifestationen marmorner Marien satt. Dabei begegne ich Kreativschaffenden –
Autorinnen, Designern, Architektinnen, Musikern, Künstlerinnen, die mir von der stetig neuen Herausforderung erzählen, mit all den ihnen bisher bekannten Eindrücken etwas zu schaffen, das es in der Form noch nicht gibt. Irgendetwas gibt mir das Gefühl, nicht in der Position zu sein, etwas über Mailand zu schreiben, da ich die Stadt selbst noch nie besucht habe. Doch darin spiegelt sich die Bedeutung von etwas Unbekanntem, worin schliesslich die Kraft zur Entstehung von etwas Neuem liegt. Eine Person, die einen Stuhl designt oder eine Oper schreibt oder einen Dom baut, hat zu Beginn des Projekts vielleicht eine Idee, diese beinhaltet jedoch nie jedes Detail des Endprodukts, da dieses in dieser Ausführung noch gar nicht vorhanden ist. Würde man – symbolisch gesprochen – alle, die noch nie einen Stuhl entworfen haben, nicht an der Diskussion um das Design eines Stuhles teilhaben lassen, hätten wir wohl sehr bald nur noch eine Art Stuhl und es würde nie zu Städten der Hochkultur kommen, in denen kreatives Potenzial und Innovation an jeder Ecke schlummern und anerkannt wird, wofür Mailand heute als schönes Beispiel dient. Und würde mir jemand die Fähigkeit absprechen, mich zu Dingen zu äussern, denen ich noch nie persönlich begegnet bin, würde mein Leben wohl ziemlich schnell eintönig. Also verreise ich weiterhin täglich gedanklich und erfinde mich dabei neu. Es ist also sehr schön, endlich einmal in Mailand gewesen zu sein und eine neue Erinnerung an die Zukunft gefunden zu haben. Und sie klingt etwa so: «Mailand. Ein kultureller Durchgangspunkt strukturellen Kunstwarenprunks, eine – unter seelenstreichelndem Jahrhundertshammer hervorgebracht  – ideentreibende Wunderkammer, aus echt verführenden Gefühlsgetrieben sprühen prächtig blühende Frühlingsspiele, eine Metropole von Genies bastelt Stethoskope um des Ziels, der Zeit den Puls zu nehmen, um darin die Freiheit der Kunst zu leben.»