Lichtensteig reloaded

Anfang Jahr gewann die sankt-gallische Gemeinde Lichtensteig den renommierten Wakkerpreis. Gewürdigt wurde damit insbesondere der innovative Umgang mit der historischen Bausubstanz. Ausserdem der Einbezug der Bevölkerung in die Ortsentwicklung. Ob das für ein Revival reicht, wird sich weisen. Das Potenzial dazu ist auf jeden Fall vorhanden.

Bild: Vera Hartmann

Mitte April. Unterwegs von Rapperswil ins Toggenburg. Auf dem Rickenpass reisst die Bise die graue Hochnebeldecke auf. Grüne Wiesen blitzen unter den ersten Sonnenstrahlen. In langgezogenen Schleifen windet sich die Kantonsstrasse über das feuchte Hochplateau und fällt steil hinunter ins Tal. Ab in den Tunnel. Vorbei an Wattwil. Weiter auf der Umfahrungsstrasse Richtung Wil. Erste Ausfahrt. Von links schiebt sich ein Voralpenexpress ins Blickfeld. Rechts erhebt sich auf einem Hügel eine kleine Trutzburg aus bunten Fachwerkhäusern. Das Städtchen Lichtensteig. Wakkerpreisträger 2023. Ausgezeichnet, weil es sich in den letzten Jahren neu erfunden hat. Nein, neu hat erfinden müssen. Doch schön der Reihe nach. Bereits im Mittelalter war Lichtensteig dank seiner strategisch günstigen Lage an wichtigen Handelsrouten zum Verwaltungszentrum der Grafschaft Toggenburg geworden. Das damit verbundene Stadtrecht erlaubte einen eigenen Markt, eine eigene Gerichtsbarkeit und eine eigene Währung. Das örtliche Gewerbe gedieh, der Handel blühte, die Stadt wurde zum Sitz der Landvögte der Abtei St. Gallen. Und der Wohlstand der städtischen Elite führte im Lauf der Zeit dazu, dass Lichtensteig zu einer weit über das Toggenburg hinaus geachteten Burgergemeinde heranwuchs, die sich auch punkto Ortsbild vor niemandem zu verstecken brauchte.

Bild: Vera Hartmann

Hatten die Lichtensteiger ihre Vorrechte mit der Zeit als gottgegeben betrachtet, wurden sie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf den Boden der Realität zurückgeholt: Der Rückgang der Schweizer Textilindustrie, der Siegeszug der Dienstleistungsgesellschaft, das Aufkommen des Individualverkehrs und damit einhergehend das Erstarken des benachbarten Wattwil zur neuen Zentrumsgemeinde führten zu Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Überalterung. Hinzu kamen steigende Leerstandsquoten, sinkende Steuereinnahmen, eine sukzessive Verschlechterung der Infrastruktur und das altbekannte Lädelisterben. Keine untypische Entwicklung für die halb ländliche Schweiz. Doch hier ein völlig neues Phänomen. Wie ein angezählter Boxer nahm die Bevölkerung scheinbar regungslos Schlag um Schlag hin. Selbst als die Einwohnerzahl bis in die zweite Hälfte der Nuller-Jahre um über einen Fünftel auf fast 1800 gesunken war, blieb noch alles ruhig. Doch als sich 2009 das Sexgewerbe in einer leerstehenden Liegenschaft in der Altstadt einnisten wollte, kochte der Unmut der Lichtensteiger hoch.

Bild: Vera Hartmann

Strategie zur Wiederbelebung
Tempi passati. Dazu hat auch Mathias Müller beigetragen. Seit seiner (Kampf-) Wahl im Jahr 2012 führt der inzwischen 40-jährige Mitte-Politiker die Amtsgeschäfte von Lichtensteig. Er selbst bezeichnet sich als Zukunftsmacher, lebt mit seiner Familie in einer umgebauten Bäckerei am Ort und umgibt sich laut eigenen Aussagen seit je lieber mit jenen, denen – wie ihm – die Opferrolle fremd ist. Unter Müllers Ägide wurde, unter grossem Mitwirken der Bevölkerung, eine bis ins Jahr 2050 angelegte Strategie für eine nachhaltige Wiederbelebung der «Mini-Stadt» Lichtensteig entwickelt.

Bild: Vera Hartmann

Mit grossem Erfolg: Eine Reihe von Massnahmen und Projekten wurde ausgearbeitet, manche davon bereits umgesetzt – die Umwandlung des alten Postgebäudes in einen Co-Working-Space zum Beispiel. Die Auffrischung der kommunalen Kinderspielplätze. Die kulturelle Bespielung von Leerraum in der Altstadt. Der neue, polyvalente Veranstaltungsraum in der «Kalberhalle», wo bis vor wenigen Jahren noch Vieh gehandelt wurde. Oder die Konzeption und Planung des mit Abstand aufwendigsten Vorhabens: die Umnutzung einer grossen, alten Spinnerei unter dem Projektnamen «Areal Stadtufer».

Bild: Vera Hartmann

Nur einen Steinwurf unterhalb der Altstadt fliesst die Thur. Gestaut von einem kleinen Wasserkraftwerk, fällt sie hinab über ein kleines Wehr und erzeugt dabei ein bisschen saubere Energie. Genau unter zwei parallel verlaufenden Stahlbrücken, deren tieferliegende direkt auf das Areal der 2017 stillgelegten Fein-Elast-Fabrik führt. Sowohl die Gemeinde Lichten­steig als auch der Kanton St. Gallen waren an einer Umnutzung der Liegenschaft mit ihren fast 8000 Quadratmetern Geschossfläche interessiert und zonten deshalb vorausschauend um.

Bild: Vera Hartmann

Umfassender Umbau geplant
Gekauft wurde die alte Fabrik schliesslich im Januar 2022 von einer Tochtergesellschaft der Basler Stiftung Edith Maryon. Deren Stiftungszweck: Grund, Boden und Liegenschaften der Spekulation entziehen. Günstigen Wohn- oder Gewerberaum sicherstellen. Soziale und kulturelle Projekte unterstützen. Also genau das, was der lokalen und basisdemokratischen Genossenschaft Stadtufer vorgeschwebt hatte, als sie für sich das Ziel formulierte, die alte Spinnerei mit ihren weiträumigen Hallen und grossflächigen Fensterfronten komplett neu zu bespielen. Die grössten Hürden? Die Tücken des Brandschutzes. Die Wärmedämmung. Eine taugliche Heizung. Und der Hochwasserschutz.

Bild: Vera Hartmann

Gleich nach dem Kauf übertrug die Stiftung Edith Maryon der Genossenschaft Stadtufer das Baurecht. Damit ist sie für die nächsten 90 Jahre faktisch neue Eigentümerin der alten Textilfabrik (wobei ein Verkauf aus spekulativen Gründen ausgeschlossen ist). Bis 2028 ist nun ein umfassender Umbau in mehreren Etappen geplant. Noch dieses Jahr soll ein zusätzliches Treppenhaus eingebaut werden, um den Brandschutzvorschriften auch bei der künftigen Nutzung zu entsprechen. Ab 2025 steht die energetische Sanierung und der Einbau einer neuen Heizungsanlage an. Ab 2026 sollen die ersten Wohnnutzungen realisiert werden. Und 2027 wird, wenn alles nach Plan läuft, mit der Restaurierung des denkmalgeschützten Kopfbaus begonnen.

Bild: Vera Hartmann

Grosse Pläne also. Auf einem langen Weg der 1000 kleinen Schritte, von denen bisher jeder Einzelne für sich dazu geführt hat, dass die Fabrik, nein ganz Lichten­steig, heute über viele kleine Biotope verfügt, in denen noch Platz für manche Ideen ist – mögen sie noch so verrückt und ausgefallen sein.

wakkerpreis2023.ch
stadtufer.ch

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