Ich sammle, also bin ich.

Illustration: Helena Zingarella

Ich sammle, also bin ich.

Sarah Alteinaichinger

Die 22-jährige Slam-Poetin hat in der Schweiz diverse Preise an Poetry-Slam-Veranstaltungen abgeräumt. Sie studiert Germanistik und ­Psychologie an der Universität Bern und schreibt leidenschaftlich Texte und Gedichte.

Teer, Kiesel und wieder Teer unter den Schritten, Blätter an den Fingerspitzen, eine weiche, rosarote Blüte in der Hand. Dann Zaunlatten an den Fingerkuppen, faseriges Holz, eine Steinmauer, dann Luft und schliesslich Metall, als ich den Schlüssel aus meiner Jackentasche krame, um die Haustür aufzuschliessen. In meiner Wohnung folgen Schritt für Schritt die Komponenten Holz, Fliesen, Plastik, Stoff und endlich Daunen, als ich ins wohlig warme Bett schlüpfe. Die Wege, die ich zurücklege, bestehen aus einer Aneinanderreihung von Materialien. Alles ruft danach, sie zu berühren, die Beschaffenheit zu erfühlen. Im Wald sind es die igeligen Tannennadeln, die abblätternde Rinde oder die schweren Zapfen, die wie Ohrringe von den Zweigen baumeln. In der Stadt verbrennt verheissungsvoll Gold auf den Tramgleisen, die wie einzelne Haare durch den Teer der Strasse ziehen. Überall finden sich fallen gelassene Dinge am Strassenrand, liegen gelassene Dinge auf Bänken, verlassenes Etwas im Irgendwo. Am liebsten würde ich alles immer mitnehmen. Ich bin eine geborene Sammlerin. Eine Eichelhäherfeder im Zaun eingeklemmt, eine alte Münze im Gulli, ein schöner, glatt geschliffener Kieselstein oder Papierfetzen, die – akribisch wieder zusammengesetzt – einen Liebesbrief zu ergeben versprechen: Ich begehre jedes Ding, dessen meine Finger habhaft werden können. Mein Nachttisch ist ein kleines Museum aus Fundstücken und darüber hinaus eine Bibliothek der ungelesenen Bücher. Doch nicht nur bündle ich die Dinge in meinem Zimmer und türme sie zu wackeligen Stapeln in allen Ecken auf, ich erfinde sie auch wieder neu. Alte Zigaretten- und Bonbondosen werden zu Schmuckkästchen oder Geheimnisbewahrern. Der Stoff ausgedienter Kleider lässt sich gut in neue Mode (mit etwas Vintage-Touch) verwandeln. Und kaum ein Fleck meiner Wand bleibt von Collagen aus Magazinschnipseln und Postkartenmosaiken unberührt. Etwas selbst herzustellen, gehört für mich genauso zur Erholung dazu wie ein Ferientag am Mittelmeer. Dabei zusehen zu können, wie etwas den eigenen Händen entwächst und durch die kreative Auseinandersetzung zu etwas unsagbar Kostbarem wird, erfüllt mich mit purem Glück. In meinen Schubladen findet sich Wolle in allen erdenklichen Farben, die zu Pullovern und Mützen gestrickt werden will. Dazwischen zwängt sich dünneres Garn, das von gemusterten Armbändern träumt. Allerlei Farben und Pinsel denken sich Kunst aus. Das Origamipapier wünscht sich sehnlichst, ein Kranich zu sein. Die Nähmaschine wartet schnurrend auf ihren Einsatz, die Magazine blättern schon fleissig zum Schnittmuster vor. Das Teuerste aber ist mir die Schreibmaschine, die ich vor einigen Jahren geschenkt bekam. Das ruppige Klackern der Tasten bläst mir ein fröhliches Kribbeln über die Haut, und gekleidet in die unperfekt gedruckten Buchstaben ist jedes Gedicht ein bisschen schöner. So wartet das Inventar meines Zimmers nur ungeduldig darauf, sich endlich rühren zu dürfen. Es scharrt wie ein startklares Pferd mit den Hufen. Mir muss es derweil nur noch gelingen, die immer knappe Zeit zu zähmen und dann loszugaloppieren, um das Handwerk zu beginnen. 

Keine Kommentare vorhanden

Schreiben sie einen Kommentar