Eine Reise ins Jahr 2049

George T. Roos, Zukunfts­forscher

Eine Reise ins Jahr 2049

Essay

Wie lebt es sich wohl in 30 Jahren? Auf welche Veränderungen müssen wir uns einstellen? Und wie wird unser Alltag aussehen? Wir haben einen Zukunftsforscher, eine Trendforscherin und einen Architekten ­gebeten, uns ihre Visionen zu schildern.

Grünere Städte, smarte Haus­halts­hilfen
Wort: George T. Roos

In 30 Jahren leben wir in dichten Siedlungen, die sich selbst mit Energie versorgen und auf eine alternde Bevölkerung ausgelegt sind. Und im Haushalt gehen uns künftig Roboter zur Hand. 

Die meisten der heute 60-Jährigen werden in 30 Jahren noch leben. Die Mehrheit dieser 90-Jährigen wohnt dann noch in den eigenen vier Wänden, nur eine Minderheit in Alters- und Pflegeheimen. Die Schweiz ist eine alternde Gesellschaft: Die Anzahl der Menschen, die 65 Jahre oder älter sind, wird sich bis 2049 nahezu verdoppeln und macht sie zur schnellst wachsenden Altersgruppe in der Schweiz. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen hingegen dürfte auf dem heutigen Niveau stagnieren. Die Menschheit hat einen solchen demografischen Wandel noch nie zuvor erlebt. Ein Novum der letzten 300 000 Jahre. Und das stellt uns vor neue Herausforderungen: Wohnungen, ja ganze Siedlungen müssen auf ältere Menschen ausgerichtet werden, altersspezifische Dienst- und Pflegeleistungen gewinnen an Bedeutung. 

Veränderungen im Stadtbild
In 30 Jahren dürften wir gemäss den Szenarien des Bundes auch deutlich mehr Einwohner sein – über 10 Millionen. Und weil wir nicht wollen, dass noch mehr Kulturland für Siedlungen verbaut wird, müssen Städte, Agglomerationen und selbst Dörfer dichter besiedelt werden. Der zusätzliche Wohnungsbedarf soll dort gedeckt werden, wo bereits Gebäude stehen. Diese Dichte lebenswert zu gestalten, wird damit zu einer zentralen Herausforderung für Behörden, Immobilienentwickler, Raumplaner und Architekten. 

Einer hochwertigen, lebensfreundlichen Verdichtung dürften Innovationen in der Mobilität zugutekommen. Das autonome Fahrzeug wird in 30 Jahren zum Alltag gehören – und eine andere Organisation unserer Mobilitätsbedürfnisse einleiten. Man stelle sich vor: Für die Naherschliessung kursieren autonome, elektrisch und damit sehr geräuscharm betriebene Fahrgastzellen, die jedermann mit einer App zu sich bestellen kann. Am Ziel angekommen, sucht sich das intelligente Fahrzeug den nächsten Fahrgast. Wir werden zumindest in den dicht besiedelten Gebieten kaum mehr das Bedürfnis haben, ein eigenes Auto zu besitzen. Das führt dazu, dass insbesondere der Platz für den stehenden Verkehr – sprich Parkplätze – den Menschen zurückgegeben werden kann. Wir werden Lebensraum gewinnen – zum Spielen, für Märkte, für Urban Gardening, für den Schwatz unter Nachbarn. Nach und nach werden unsere Häuser nicht mehr der Strasse abgewandt sein, wie sie in den letzten 70 Jahren gebaut wurden, um die Bewohner vor Lärm und Gestank des Verkehrs zu schützen, sondern sich auf die belebten Strassen hin öffnen können. Wir pflanzen mehr Bäume und lassen so ganze Wälder auf Dächern und Balkonen entstehen, die zur Kühlung der Städte beitragen. Im Augenblick bemüht sich die Weltgemeinschaft, den globalen Tempera­turanstieg im Zuge der Klimaerwärmung zu drosseln. Selbst optimistisch betrachtet, müssen wir aber davon ausgehen, dass Hitzetage in unseren Breitengraden zunehmen werden und damit die Kühlung der Städte und Siedlungen wichtiger wird. 

Smarte Häuser, schlaue Haushaltroboter
Autonom fahrende Verkehrsmittel sind Teil einer grösseren Entwicklung – der Entwicklung hin zu einer intelligenten Umwelt. Dank künstlicher Intelligenz und der Vernetzung aller realen Dinge wird beispielsweise eine dezentrale Energieversorgung erst möglich. Jedes neue Haus wird ein Kraftwerk sein, Dächer und Fassaden werden mit Solarzellen bestückt. Wir alle werden damit zu «Prosumenten», einer Mischung aus Produzent und Konsument: Wir verbrauchen nicht nur Strom, sondern erzeugen ihn auch. Damit allerdings die unzähligen Kleinkraftwerke in ein tragfähiges Gesamtnetz integriert werden können, braucht es intelligente Systeme. Bots (Computerprogramme) und Roboter werden aber auch zu integralen Bestandteilen unserer vier Wände – z. B. Roboter, die im Haushalt helfen, oder Bots, die unseren Kindern als individueller Lernassistent zur Seite stehen. 

Kurzum: Megatrends wie Überalterung, Bevölkerungswachstum, Digitalisierung, Nomadisierung und Ökologisierung werden unsere Zukunft bestimmen.  

Judith Mair, Trendforscherin

Die Devise wird heissen: Von Ballast befreien!
Wort: Judith Mair

Das Wohnen der Zukunft wird von Verknappung und Entschlackung geprägt sein. Man wird sich mehr und mehr von überflüssigen und ungeliebten Dingen trennen und sich auf das Elementare, Einzigartige, Emotionale besinnen.

Werte im Wandel
Einer der wichtigsten Gründe für das Reduzieren in der Zukunft ist: Wir sind satt. Satt vom ständigen Überfluss. Von all den verführerischen Möglichkeiten, die ergriffen werden wollen, von all den Gegenständen, die gebraucht und gekauft werden sollen. Wo alles im Überfluss verfügbar ist, wird der Verzicht zur neuen Distinktionsstrategie. Das Anhäufen materieller Güter wird bedeutungslos. Immaterielle Werte wie Ruhe, Privatsphäre, Zeit oder Schlaf werden Luxusgüter. Was bedeutet eine solche Werteverschiebung ganz konkret für die Inszenierung und Gestaltung unserer Wohnräume? Wie werden wir wohnen, schlafen, kochen, zusammenleben? Das Wohnen der Zukunft wird von drei Makrotrends bestimmt. Wobei es schon heute progressive Pionierleistungen gibt, kreative Entwürfe von Designerinnen und Designern, die eine solche Zukunft für uns erlebbar und bewohnbar machen.

Pssssst!
Nach Angaben der UNO leben 55 Prozent der Weltbevölkerung in der Stadt, bis 2050 sollen es sogar knapp 70 Prozent sein. Also wird das Wohnen der Zukunft bedeuten, in der Stadt zu leben. Mit der Verdichtung des urbanen Raums steigt auch die Lärmbelästigung. Ruhe wird zum raren Gut, sie bekommt den Status eines Luxusartikels. Die Londoner Trendagentur The Future Laboratory spricht von «Silent Homes». Wie dieses lärmgeschützte Wohnen aussehen könnte, zeigt der Designer Andrés Reisinger aus Barcelona mit seinen fiktiven Wohnwelten (Bild  2), die uns wie in Watte packen und vor all dem Geschrei und Getümmel schützen.

Wohnen im Mikromodus
Je mehr Menschen auf dichtem Raum leben, desto weniger Raum bleibt für den Einzelnen. Nicht mehr nur in Metropolen entbrennt ein erbarmungsloser Kampf um jeden Quadratmeter. Die Antwort lautet Micro Living, ein weiterer Makrotrend, der das Wohnen der Zukunft bestimmen wird. Er ist die konstruktive und kreative Lösung für die fortschreitende Verknappung des Wohnraumes in den Innenstädten. Als kreative und konstruktive Reaktion auf diesen Makrotrend finden wir bereits heute clevere multifunktionale und modulare Raumnutzungskonzepte. Eines von ihnen ist das «13  m2 House» (Bild  3) des Londoner Designstudios Studiomama. Bei dem zukunftsorientierten Entwurf einer 13  m2 grossen Wohnung wird jeder Zentimeter mehrfach genutzt.

Immer schön flexibel bleiben
Weitere postmaterielle Werte, die das Wohnen der Zukunft auszeichnen werden, sind Flexibilität und Mobilität. Nomadisches Wohnen, bei dem wechselnde Lebensumstände und Herausforderungen die Menschen an immer neue Orte treiben, wird normal. Sich langfristig irgendwo einzurichten, ist zunehmend ein Thema der Vergangenheit. Die Möbel müssen sich unkompliziert in jeden Grundriss einfügen und deshalb einfach zu transportieren sowie schnell auf- und abbaubar sein. «Nomad Furniture» gibt es bereits heute. Dazu zählen beispielsweise Möbel oder auch Leuchten wie «Help» (Bild  1) des jungen Berliner Designstudios L&Z Elements. Damit schaffen Daniel Lorch und Aidin Zimmermann mobile To-go-Objekte für ein Leben, das morgen schon ganz anders aussehen kann als heute.

Meins ist deins
Mutige werden zukünftig noch einen Schritt weitergehen und sich vollkommen von der Idee verabschieden, Möbel als Besitz- oder Liebhaberobjekt zu betrachten. Für sie werden Einrichtungsgegenstände von der Hard- zur Software, somit etwas, das man tauschen, leihen oder vermieten kann. Die Sharing Economy, die auf der Idee des Teilens basiert, treibt diesen Trend voran. Nur geht es nicht mehr um Songs, Filme oder Autos, sondern um Möbel. Unter dem Begriff Co-Living wird bereits heute ein neues Wohnmodell propagiert, bei dem sich die Bewohner – entsprechend dem beliebten Co-Working – nun auch den komplett eingerichteten Wohnraum teilen. Möbeltransporter und Umzugshelfer gehören der Vergangenheit an. Co-Living-Anbieter wie Roam übernehmen neben der Ausstattung der Wohnräume auch die Organisation des sozialen Lebens. Getreu dem Firmenmotto «Provide everything you need to feel at home» gibt es Yoga und gemeinschaftliche Kochevents.

Wem das alles zu skurril und weit weg erscheint, dem sei ein Besuch in der aktuellen Ausstellung «Home Futures» im Londoner Design Museum empfohlen. Hier kann man den sozialen und technologischen Wandel schon heute bestaunen und die Visionen zukünftigen Wohnens erforschen.