Drang nach dem Himmel

Illustration: Helena Zingarella

Drang nach dem Himmel

Sarah Alteinaichinger

Die 22-jährige Slam-Poetin hat in der Schweiz diverse Preise an Poetry-Slam-Veranstaltungen abgeräumt. Sie studiert Germanistik und ­Psychologie an der Universität Bern und schreibt leidenschaftlich Texte und Gedichte.

Hoch hinaus wollten wir an jenem Augusttag, als mein Freund und ich in den schottischen Highlands wandern gingen. Schon Schottland ist ja auf der Karte Europas eine hoch gelegene Wahl – dank des TGVs, des Unterwasser-Eurostars und der britischen Zuggesellschaft mit der Schweiz verbunden. Doch nun wollten wir beide noch höher, genauer auf die Cairngorms im Grampia-Gebirge. Durch unsere schweizertypische Wandererfahrung bestärkt und durch das wolkenlose Wetter geblendet, machten wir uns – ohne Karte wohlgemerkt – auf den Weg. Aus dem Zeltplatz wurde Schritt für Schritt die erste Hochebene, die im Morgenlicht ­verheissungsvoll leuchtete. Dann nahmen wir den steilen Hang des ersten Gipfels in Angriff und hüpften von da aus den Grat entlang. Von Berg zu Berg glitten wir in wunderschönen, grenzenlosen Höhen dahin.
Es scheint dem Menschen im Blut zu liegen, der Drang nach dem Himmel, die Lust an der Höhenluft. Das beginnt schon auf Kindesbeinen. Beim Laufenlernen können wir noch so oft hinfallen, wir rappeln uns doch immer wieder auf. Ausserdem erinnere ich mich an ein Experiment, das kreatives Problemlösen im Kindesalter demonstrieren soll. Dazu setzt man Kekse in ein hohes Wandregal und platziert Hilfsobjekte wie einen Stuhl oder einen Besen unabhängig davon im Raum. Die Aufgabe des Kindes besteht darin, die Objekte miteinander zu kombinieren und daraus beispielsweise folgende Idee abzuleiten: Erstens den Stuhl unter das Regal platzieren und hinaufsteigen und zweitens die Kekse mit dem Besenstiel vom Tablar schieben. Im Erwachsenenalter reicht dieser Beweis leider nicht mehr. Im Gegenzug haben wir längere Beine und längeren Atem für das Streben nach Erfolg. Doch ich plädiere hier lautstark dafür, Höhenmeter mit Mass zu erklettern. Sich zu fordern, ist notwendig, aber keine Garantie für Zufriedenheit. Das eigene Scheitern zuzugeben, sprengt so manche Grenzen, die man sich selbst auferlegt hat. Das ist das Schöne am Format Poetry-Slam. Freilich kämpft man zunächst gegen die Mitstreiter um den Whiskey-Sieg, um die höchste Punktzahl, um den grössten Ruhm! Doch im Grunde geht es nur darum, gemeinsam um den Sieg der Worte zu kämpfen.
Als wir beim Abstieg in Schottland dann vom Weg abkamen, als uns allmählich die Spätnachmittagssonne im Nacken brannte und als unsere Füsse zu zentnerschweren Klumpen wurden, merkten wir, dass wir an unsere eigenen Grenzen stiessen. Wehmütig dachten wir an bequeme Sessel am prasselnden Feuer, an Hängematten auf der Terrasse, an Badewannenwonne, ans Daunendeckengebirge unseres Betts.
Schliesslich fanden wir einen Schäferpfad, dem wir hoffnungsvoll folgten – er würde uns wohl irgendwie ins Tal zurückführen. Das tat er auch, nur leider ins falsche! Nach einem 14-Stunden-Tag, nach einer geschätzten 30-Kilometer-Strecke landeten wir spätnachts in einem uns fremden Dörfchen und fanden in einer Jugendherberge Unterschlupf. Am nächsten Morgen fuhr uns glücklicherweise eine unglaublich hilfsbereite Familie zwei Stunden zurück zu unserem vereinsamten Zelt. Zwei Dinge sind uns von diesem Erlebnis geblieben: Wir gehen nie mehr ohne Karte wandern. Und: Das Abenteuer war es allemal wert.

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