Die Zeit vergeht wie eine Raupe

Illustration: Helena Zingarella

Die Zeit vergeht wie eine Raupe

Sarah Alteinaichinger

Die 22-jährige Slam-Poetin hat in der Schweiz diverse Preise an Poetry-Slam-Veranstaltungen abgeräumt. Sie studiert Germanistik und ­Psychologie an der Universität Bern und schreibt leidenschaftlich Texte und Gedichte.

«Tre bistecche, per favore», bestellen wir und warten verschwitzt und euphorisch auf unsere Mahlzeit, die wir unserer Meinung nach äusserst verdient haben. Denn das Grotto liegt einen kurzen, aber steilen Fussmarsch von unserem Ferienhäuschen entfernt, und wir wagten es, uns dafür mit hungrigen Bäuchen durch die Mittagshitze zu kämpfen. Wir – das sind meine Mutter, mein Stiefvater und ich – verbringen die Ferien in dem abgelegenen Ort Lottigna, im Tessiner Bleniotal. Die einfache Steinhütte wurde liebevoll von meinem Stiefgrossvater ausgebaut und instand gehalten. Sie besteht aus einem oberen Stock mit einer kleinen Küchenzeile, einem dunklen Holztisch und schweren Holztruhen sowie genügend Platz für ein Matratzenlager sowie aus einer unteren Etage bestehend aus einem Badezimmer, einem Abstellraum und den Sanitäranlagen. Beide Geschosse sind ebenerdig, da sich das Haus an einen kleinen Hügel lehnt. Umgeben sind wir von saftigen Wiesen, schattenspendenden, grünfacettierten Bäumen, dem glucksenden Fluss Brenno und von die ganze Szenerie wohlgesinnt umarmenden Gebirgssilhouetten. Das Dorf besteht nur aus wenigen, verstreuten Bauten. Ein paar Hühner staksen beim Nachbarn durch den Vorgarten. Vereinzelte Kühe muhen in der Ferne. Eine Katze schaut misstrauisch von ihrem Stammplatz auf die Stille der Landstrasse und klopft mit ihrem Schwanz einen Takt in den Staub. Es herrscht eine entspannende Langeweile. Nichts passiert, weil nichts passieren muss. Nur ab und zu verscheuchen wir die Fliegen mit einer Hand und führen mit der anderen ein Glas gekühltes Wasser an den Mund. Und sonst? Faulenzen wir, sonnen wir uns, schlafen wir, lesen wir, schreiben wir, reden wir, spielen wir Schach, einen Jass, Backgammon, Die Siedler von Catan oder Stadt, Land und Fluss. Die Zeit vergeht wie eine Raupe. Schmetterlinge tänzeln durch die Luft. Am Abend zünden wir Kerzen an und beobachten Autolichter, die Slalombahnen in den Hang gegenüber zeichnen, sowie die Glühwürmchen im Gras. Dazu trinken wir Wein und lassen uns Zeit auf der Zunge zergehen. Dabei könnte man eigentlich viel mehr. Das Rheinwaldhorn, das der höchste Gipfel des Tessins ist, sitzt vorwurfsvoll in unserem Rücken. Es wimmelt von sogen annten Case dei Pagani, die in den Fels gebaut wurden. Diese Höhlenburgen, welche wahrscheinlich als Wachposten und Rückzugsorte Verwendung fanden, verhalfen dem Bleniotal zu seinem schönen Übernamen «Feuerlichttal». Auch die Schokoladenfabrik Cima Norma, die eine bittersüsse Geschichte voller Glück und Untergang zu erzählen hätte, wäre eine Versuchung wert. Oder es könnten uns die tausendjährige, bunt bebilderte Kirche von Negrentino und die Hängebrücke daneben zu einem Abenteuer verlocken. Aber das braucht es gerade nicht. Was es braucht, kommt gerade – es sind grossmütterlich gebutterte Fleischplätzchen, eine Schüssel glänzender Erbsen und Rüebli sowie ein grosszügiger Teller Pommes frites. Wir langen hungrig zu. Und unser Bauch formt die Worte, die sich unser Kopf schon gedacht hat: Wie schön, dieses Tessin!