Abheben und durchstarten

stephan hürlemann in der sky-frame-installation

Abheben und durchstarten

Fuori Salone

«Fuori Salone» heisst die Eventreihe, die jeweils parallel zur Möbelmesse stattfindet. ­Unzählige Anlässe und Ausstellungen locken dann in die Innenstadt. Im Dickicht der Veranstaltungen haben wir uns auf die Suche nach Schweizer Marken und ­De­signern ­gemacht und mit ihnen über ihre Projekte und Ideen ­gesprochen.

«Ein Schritt, und du bist im Orbit»

Bis zu zwei Stunden lang standen die Besucher geduldig in der Schlange, um die Inszenierung «A Piece of Sky» zu sehen. Die alten Lagerhallen unter dem Mailänder Hauptbahnhof, in denen das Designprojekt Ventura Centrale seit 2017 Installationen und Events organisiert, sind definitiv zu einem Geheimtipp an der Milano Design Week geworden. Das lange Warten bei «A Piece of Sky», einer von insgesamt 16 Shows, hat sich gelohnt. Im heruntergekommenen Industrieraum fanden Besucher einen sechseckigen Trichter mit verspiegelten Innenflächen. Der Gestalter Stephan Hürlemann hat «A Piece of Sky» entworfen und brachte vor Ort auf den Punkt, was drinnen passiert. «Ein Schritt, und du bist im Orbit.» Tatsächlich wähnt man sich in einer gigantischen Sphäre, in einem endlos scheinenden Raum in kräftigen Farben, die sich mit einem Knopf am Boden steuern liessen. Dazu im wahrsten Sinne ausserirdische Klänge: von der Erdrotation erzeugte elektromagnetische Schwingungen, die die Nasa in hörbare Frequenzen übersetzte. «Die Dimensions- und Perspektivenwechsel ermöglichen den Besuchern eine andere, poetische Sicht auf die eigene Existenz», sagte Hürlemann, der vor einem Jahr mit seiner Installation für Horgenglarus am selben Ort den Milano Design Award für die innovativste Markenpräsentation geholt hat. Auch seine neue Installation «A Piece of Sky» für Sky-Frame hat viel Aufmerksamkeit erregt. Es war die erste Teilnahme von Sky-Frame, dem Schweizer Pionier für rahmenlose Schiebefenstersysteme, am Mailänder Designevent. Zuvor wurde die Inszenierung bereits während der Londoner Clerkenwell Design Week im Frühling 2018 gezeigt. Bei der Präsentation in Mailand kam für die Spiegel nicht Acrylglas wie in London, sondern Metall zum Einsatz. Die Wirkung, dem Besucher eine kurze Reise ins All zu bescheren, wurde dadurch noch ­verstärkt.

sky-frame.ch, huerlemann.com

freitag bot in der eigenen installation beichtstühle an

Daniel (links) und Markus Freitag in ihrer Installation an der Ventura Centrale

Die begehbare Licht- und Videoinstallation von Künstler Georg Lendorff

Mailands «Sündenmeile»

Vor zwei Jahren eröffnete Freitag den ersten Shop in Mailand. Nun hat das Zürcher Kultlabel erstmals an der Milano Design Week teilgenommen. Gemeinsam mit dem Schweizer Videokünstler Georg Lendorff bespielte Freitag einen von insgesamt 16 Viaduktbögen unter den Gleisen des Mailänder Hauptbahnhofs, ein Designprojekt von Ventura Centrale. Kern der Ausstellung war eine wundersame begehbare Licht- und Videoinstallation von Lendorff. Sie lud förmlich zum Eintauchen und zum Erleben der magischen Lichtspiele und Klänge ein. «Man verliert darin das Raum- und Zeitgefühl», sagte Daniel Freitag (links im Bild), den wir an der Vernissage trafen. Die Installation «Unfluencer – ­De-sinning the Designer» war dem Thema «Bad ­Design» gewidmet. «Wir fanden es spannend, gerade an der Milano Design Week, wo so viel anscheinend gutes Design gezeigt wird, über schlechtes Design, über Designsünden zu reden», erläuterte Freitag die Kernidee. Ihre Sünden wie z. B. übermässiger Konsum oder den Kauf von ökologisch zweifelhaften Massenprodukten konnten die Besucher beichten. Entweder auf einem Beichtstuhl oder mit dem Formular «De-Sin Admission Form for Consumers». Schliesslich kam der Besucher in die De-­Sinning-Zone, wo Daniel und Markus Freitag auf erfrischende Weise die Absolution erteilten: Mit einem sogenannten Handjet, der etwa für die Beschriftung von Bauteilen eingesetzt wird, druckten sie auf eine Freitag-Leinentasche oder aber auf vorhandene Stofftaschen einen Slogan, den die Besucher auswählen konnten. Darunter etwa «The older the better» oder «It's just ugly». Sprüche, die aus der Ausstellung «Freitag Ad Absurdum» abgeleitet wurden, die Freitag zusammen mit den Künstlerbrüdern Riklin 2016 in Lausanne gezeigt hatte. Und so konnte man als von den gebeichteten Designsünden erleichterte Besucherin wieder frohen Mutes durch Mailand schreiten, das prall gefüllt war mit gutem, aber auch schlechtem Design …

freitag.ch, georglendorff.com

 

Was Schweizer sonst noch in Mailand gezeigt haben sehen Sie in der Maiausgabe der Wohnrevue. Hier bestellen.