Zweisam gestalten

Margarita Salmerón und Christoph Schindler sind seit knapp 20 Jahren als Entwerfende und Möbelherstellende tätig. Darüber hinaus machen sie nicht nur beruflich gemeinsame Sache, sondern sind auch privat ein Paar. Die Wohnrevue hat sich mit dem möbelbauenden Architektenduo über Nähe und Distanz sowie Verbindendes und Trennendes unterhalten.

Bild: Filipa Peixeiro

Margarita Salmerón, Christoph Schindler wir widmen unser aktuelles Magazin dem Thema Fusion. Wie würden Sie den Begriff für sich definieren?
Margarita Salmerón: Als Erstes habe ich den Begriff im Cambridge Dictionary nachgeschlagen und folgende Definition gelesen: an occasion, when two or more things join or are combinded. Darüberhinaus kommen uns Begriffe aus dem persönlichen Referenzfeld in den Sinn. Etwa die Vermischung von Musikstilen, wie dem Jazz mit dem Rock, allen voran Miles Davis’ Bitches Brew, wir denken auch an die Fusion bei der Kernenergie.
Christoph Schindler: Und nicht zuletzt betrachten wir die Schweiz als ein Fusion-Land. Wenn es in Europa eine Nation gibt, die diese Eigenschaften vereint, dann ist es die Schweiz. Die Schweiz ist eine Konföderation mit verschiedenen Kantonen und vier Landessprachen. Und allen erwähnten Beispielen ist gemein, dass sich zwei oder mehr Entitäten zu etwas Neuem vereinigen.

2005 haben Sie sich selbstständig gemacht. Was hat Sie damals dazu bewogen, als Paar auch zusammenzuarbeiten?
CS: Das ist etwas, was uns schon lange faszinierte – vielleicht auch vor dem Hintergrund unserer Elternhäuser – die Lebenswege, in denen sich die Grenze zwischen Beruf und Familie auflöst, wie etwa bei Ray und Charles Eames oder in der Schweiz bei Trix und Robert Haussmann. Das fanden wir immer schon grossartig, wie es gelingen kann, Arbeit und Privatleben ineinander übergehen und verschmelzen zu lassen. Gleichzeitig muss man natürlich auch für Abgrenzung sorgen, zumindest zwischendurch.

Fällt Ihnen dies schwer?
MS: Mittlerweile nicht mehr. Zu Beginn war es jedoch nicht immer einfach, Privates und Geschäftliches zu trennen. Wir mussten uns da manchmal richtiggehend zwingen, am Abend nicht wieder vom Büro zu sprechen. Darüber hinaus war es uns immer wichtig, separate Hobbys und Freundschaften zu pflegen. Denn es braucht auch etwas Distanz (lacht).

Bild: Filipa Peixeiro

Margarita Salmerón, Sie sind in Spanien aufgewachsen, Christoph Schindler, Sie in Deutschland. Zeigt sich dieser unterschiedliche kulturelle Hintergrund in der Zusammenarbeit?
CS: Das ist ein Thema. Wir leben beide seit über zwanzig Jahren in Zürich und haben beide den Schweizer Pass. Grundsätzlich ist unsere Ausgangslage identisch. Trotzdem werden wir unterschiedlich wahrgenommen. Und auch wir nehmen diese Unterschiede wahr. Ein spannender Aspekt ist, dass wir uns im Gegenüber bewusst werden, wie wir geprägt sind und warum wir so denken, wie wir denken. Wir schätzen beide diese Momente sehr, in denen uns bewusst wird, wie unsere Hintergründe unser Denken und Handeln beeinflussen und noch mehr, wenn es uns gelingt, daraus auszubrechen.
MS: Wir haben verschiedene kulturelle Referenzen. Wir sprechen verschiedene Sprachen. Wir mussten herausfinden, wie wir unsere unterschiedlichen Perspektiven klären können, denn das Gegenüber hat nicht denselben Bezug.

Wie zeigt sich Ihre interkulturelle Haltung in Ihren Arbeiten?
MS: Als wir unsere Firma gründeten, überlegten wir uns, wie wir uns präsentieren wollen, welches Grafikdesign zu uns passt. Die Grafikerin Aline Ozkan, die wir von unserer damaligen Bürogemeinschaft kannten, schlug uns ein gestalterisches Konzept vor, angelehnt an die Barcode-Europa-Flagge von Rem Koolhaas’ Architekturbüro OMA. Die fünf Farben Rot, Gelb, Gold, Schwarz und Weiss, die sich in zufälligen Kombinationen durch alle unsere Arbeiten ziehen, setzen sich aus den Nationalflaggen der Länder zusammen, deren Bürger wir sind: Schweiz, Spanien und Deutschland. So, wie wir die Schweiz verstehen und wahrnehmen, scheint uns dies eine sehr schweizerische Geschichte zu sein. Hierzulande vereinen sich italienische, französische und deutsche Hintergründe zu einer gemeinsamen Konföderation. Unsere Wahl-Heimat passt bestens zu unseren Vorstellungen von Verbindungen. Und in unserem Grafikdesign zeigt sich das Thema der Fusion am deutlichsten.

Bild: Filipa Peixeiro

Wie unterscheiden sich Ihre Arbeitsweisen?
CS: Wie erwähnt haben wir unterschiedliche Referenzsysteme. Wir schufen jedoch in den drei gemeinsamen Jahren in den Niederlanden einen gemeinsamen Boden. Dies ist bis heute eine wichtige Basis geblieben, die wir regelmässig in den Niederlanden auffrischen. In unserer Firma decken wir jedoch sehr unterschiedliche Bereiche ab. Margarita bringt den Geschäftssinn mit, ich kümmere mich um die Entwicklung der Produkte und um deren Unterhalt.
MS: Das Verbindende in unserer Arbeitsweise ist sicherlich, dass wir beide ein Architekturstudium als Background haben und mit Arbeitsmethoden der Architektur arbeiten. Zudem ist die Art und Weise, wie wir Gestaltung verstehen, sehr stark durch unsere Zeit in den Niederlanden geprägt. Wie wir jedoch an die Arbeit herangehen, unterscheidet sich stark, vermischt sich aber im Endergebnis wieder zu einer Einheit. Ich habe eher die Verbraucherperspektive inne, Christoph mehr die Fabrikationsperspektive.

Eine gute Ergänzung, also?
MS: Wir würden sagen, ja (lacht).
CS: Aber wir streiten uns auch. Und wenn wir streiten, dann tun wir dies auf Englisch. Damit niemand von uns einen Sprachvorteil hat. Gleichzeitig ist die Gefahr nicht da, gemeine Seitenhiebe zwischen den Zeilen zu platzieren. So sind unsere Dispute immer sehr direkt, ohne Widerhaken oder versteckte Fallen.

Und wenn Sie nicht streiten, in welcher Sprache unterhalten Sie sich dann?
MS: Wir haben eine richtiggehende Fusionsprache. Unsere Sätze beginnen normalerweise in der einen Sprache, es folgen ein paar Worte in der anderen Sprache und dann landen wir schlussendlich im Englischen oder umgekehrt. Die drei Sprachen Spanisch, Deutsch und Englisch kommen so sehr gut zusammen. Es ist sicher nicht zu empfehlen, aber unsere Realität.
CS: Im Roman «Der Name der Rose» gibt es diesen Salvatore, der eine wilde Mischung verschiedenster Sprachen spricht. Und Adson von Melk fragt William von Baskerville irgendwann, welche Sprache der Salvatore denn nun spreche. Seine Antwort: alle und keine. Das ist bei uns auch oft so. Aber unsere beiden Kinder hatten damit nie Mühe und konnten das sehr gut auseinanderhalten. Obwohl man dies nach Lehrbuch streng trennen sollte.

Bild: Filipa Peixeiro

Sie bezeichnen sich als Möbel bauende Architekten. Was verstehen Sie darunter?
CS: Dies hat sicherlich viel mit unserer Ausbildung zu tun. Wir sind ja Architekten, die Möbel bauen. In Dänemark sind wir dem Begriff Møbelarkitektur begegnet, zuerst über Poul Kjærholm. Er hat diesen Begriff verwendet, weil er sein Schaffen sehr nah an der Architektur sah. Und dann bei Nicolai de Gier an der Royal Danish Academy in Kopenhagen, inzwischen zudem Design Director des Flat-Pack-Labels Takt. Bei der Møbelarkitektur geht es um zwei Aspekte: zum einen um die Kunst des Fügens, in der Architektur als Tektonik bezeichnet, und zum anderen auch um das Zusammenspiel von Möbel und Raum, wie wir das besonders augenfällig von William Morris, Frank Lloyd Wright oder Charles Rennie Mackintosh kennen. Und genau da sind wir zuhause, Möbel und Raum zusammenzubringen.

Wie gehen Sie vor?
MS: Die Grundlage für einen solchen Bezug ist das architektonische Konzept, in das wir uns einbinden. Ein gelungenes Beispiel ist die Kirche Geissberg in Langenthal von Hull Inoue Radlinsky Architektinnen, für die wir die Kirchenbänke entwickeln durften. Die Architektinnen wiederholen im Innenraum das Motiv der Kassettierung und setzen auf Elemente aus Eichenholz. Diese Kassettierung greifen wir bei den Bänken auf, indem der einzelne Sitzplatz durch ein eingelegtes Sperrholzelement auf der Zarge von Sitzfläche und Rückenlehnen angedeutet ist.
CS: Zudem entsprechen die Ablagen für die Gesangsbücher den Heizungsaustritten der Wandverkleidung, aber das war Zufall. Der Begriff der Fusion passt hier übrigens auch, denn die Bänke sind ein Hybrid aus Bank und Stuhl.

Hat es sich organisch ergeben, dass Sie für den Objektbereich Möbel entwickeln?
MS: Irgendwann, als wir bereits selbstständig waren, hat Christoph dies ausformuliert und wir haben realisiert, dass dies unsere natürliche Nische ist. Weil wir die Architekten verstehen und wir eine gemeinsame Sprache sprechen. Aber es war nicht von Tag eins Kern unserer Geschäftsidee. Doch der Objektbereich passt perfekt zu uns, denn wir wollen keine Unikate herstellen, sondern technologisch in Serienproduktion arbeiten. Es war jedoch mehr eine Erkenntnis als ein Entscheid.
CS: Was es dazu noch zu sagen gibt: Stühle gibt es ja viele. Aber die allerwenigsten eignen sich für den Objektbereich, so sind wir da sicherlich in einer Nische tätig.

Bild: Filipa Peixeiro

Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen Ihnen und den Architektenteams ab?
MS: Bei bereits bestehenden Serienmöbeln aus unserer Kollektion stellen die Architektinnen gemeinsam mit den Objekteinrichtern Bemusterungen zusammen, aus denen die Auftraggeber geeignete Produkte auswählen können. Aus diesem Grund arbeiten wir grundsätzlich mit Vertriebspartnern zusammen, denn nur so ist – anders als im Direktverkauf – eine neutrale Beratung gewährleistet. Für individuelle Entwicklungen funktioniert es am besten, wenn wir frühzeitig miteinbezogen sind und zu den Baukommissionen eingeladen werden. So können wir die konkreten Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer verstehen.

Während der Milano Design Week sind Sie mit anderen Schweizer Herstellern im House of Switzerland präsent. Ist Ihnen das Gemeinsame ein Anliegen?
CS: Gemeinsam sind wir stärker, sichtbarer, interessanter: So haben wir aktuell gemeinsam das Erdgeschoss des House of Switzerland mitten in Brera als Ausstellungsfläche zugesprochen bekommen. Keine der beteiligten Firmen hätte das alleine geschafft. Zudem sind wir in der Planung effizienter, denn wir können die verschiedenen Aufgaben zwischen den Firmen aufteilen. Und nicht zuletzt ist der gemeinsame Auftritt und der kollegiale Umgang miteinander gerade ausserhalb der Schweiz ein echtes Alleinstellungsmerkmal.
schindlersalmeron.com

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