Wort: Paula Mühlena / Bild: Jasper Morrison
In der Designwelt ist der Begriff «Super Normal» untrennbar mit Jasper Morrison und Naoto Fukasawa verbunden. Mit ihrer gleichnamigen Ausstellung und Publikation prägten sie nicht nur eine Haltung, sondern schufen gewissermassen eine eigene Produktkategorie: Objekte, die den Superlativ des Normalen verkörpern und einen Begriff von Design neu rahmen.

Ist etwas gut, weil wir es immer wieder bewusst als solches wahrnehmen – oder zeigt sich Qualität gerade in der Abwesenheit dieser Erkenntnis? Ein Teller, den ich täglich benutze, der unauffällig seine Funktion erfüllt und einfach Begleiter des alltäglichen Geschehens ist – ist das gut?
Vor fast 20 Jahren formulierten Jasper Morrison und Naoto Fukasawa ihre Haltung mit der Ausstellung «Super Normal» in der Axis Gallery in Tokio. Gezeigt wurden über 200 Objekte, die gewissermassen den Superlativ des Normalen vergegenständlichten: ein Plastikeimer, der Archetyp eines Wasserglases, ein Küchenstuhl, Hausschuhe oder ein Topf. «Super Normal» steht dabei für jene Dinge, die die Essenz ihrer Typologie darstellen – das Normale vom Normalen. Objekte, die uns im Alltag assistieren, ohne dabei Ansprüche an eine aussergewöhnliche Ausstrahlung zu erheben und so zu einem Element der gelebten Normalität werden.

Die Selektion
Die beiden Designer begannen, Objekte zu sammeln und zusammenzutragen – ohne zuvor genau definiert zu haben, worum es ging. Jeder folgte seinen eigenen Kriterien. «Das gegenseitige Vorstellen der verschiedenen Objekte wurde dann zu einem dreidimensionalen Dialog, noch bevor wir all dem überhaupt Worte gaben – wie zwei Aliens im Weltraum, die nach einer gemeinsamen Sprache suchten», beschreibt Morrison den ersten direkten Austausch. Zuvor war es nur eine vage Vorstellung; erst die Objekte selbst machten sie konkret und halfen, die – wenn man so will – Produktekategorie zu verstehen.
Die Auswahl umfasst sowohl Gegenstände, deren Gestaltende unbekannt sind, als auch Objekte namhafter Designschaffender wie Enzo Mari, Maarten Van Severen, Max Bill, Dieter Rams oder der beiden Initiatoren selbst. Neben No-Name-Produkten finden sich zudem Objekte von Marken wie Artemide, Muji, Artek oder Alessi.
Die Praxis
Für Morrison ist das Beobachten und Identifizieren solcher Objekte nichts Neues gewesen. Schon immer fielen Morrison Dinge auf. Einmal füllte er ein ganzes Buch mit Fotografien solcher Auffälligkeiten – ein anonymer Betonstuhl, eine seltsame Bank vor einer Bahnstation in Japan. Es sind Beobachtungen, die er in seiner eigenen Praxis dann aufgreifen, erneut anwenden und zu etwas Neuem formen kann.

Auch für Fukasawa ist die Auseinandersetzung mit dem bereits Vorhandenen selbstverständlich. In jedem Designprozess sucht er nach den Archetypen des jeweiligen Objekts. Die Essenz dessen zu finden und in ein neues Objekt zu übersetzen – und seien es nur kleine Veränderungen – ist für ihn das «Super Normale».
Dabei geht es den beiden Gestaltern auch um eine Haltung – vielleicht sogar um Kritik. Denn allgemein bedeutet Design heute längst nicht mehr nur, ein Problem zu lösen oder eine Funktion im Alltag zu erfüllen. Allzu oft wird es mit auffälligen Formen, lauten Farben oder einer starken Objektpersönlichkeit assoziiert – häufig auch, um einem Marketingzweck zu dienen. Doch nach Morrison und Fukasawa ist Design mehr als ein unmittelbarer visueller Effekt. Schönheit entsteht in der langfristigen Beziehung zwischen Mensch und Objekt durch die alltägliche Benutzung. Auch das ist Design – gutes Design – und darf nicht verloren gehen.

Fukasawa beschreibt es in der begleitenden Publikation zur Ausstellung passend: «Beispielsweise halten alle den Sojasaucenbehälter beim Ausgiessen auf dieselbe Weise. Die Bewegung ist Teil der Atmosphäre beim Genuss von Sushi geworden – ein neues Design könnte diese Atmosphäre kaum wiederherstellen. Ich denke, dass diese Schönheit durch die natürliche, unbewusste Verwendung von etwas entsteht.»
Es geht also über den gestalterischen Aspekt hinaus, hin zu einer oft unbewussten Wahrnehmung. Dazu gehört, dass ein Gegenstand zur Gesamtatmosphäre beiträgt, ohne dass der Nutzende aktiv über ihn nachdenken muss. So sagt Jasper Morrison: «Wenn man in ein Geschäft ginge, um einen Teller zu kaufen, wäre es der tellerhafteste Teller, den man finden könnte. Noch tellerhafter, als man sich einen Teller überhaupt vorstellen kann. Das Gute an einem mehr-als-tellerhaften Teller ist, dass er seine Aufgabe erfüllt, ohne die Atmosphäre so zu stören, wie es Designer-Geschirr manchmal tut.»
Sowohl die Zitate dieses Artikels als auch die Bilder lassen sich in der gleichnamigen Publikation des Verlags Lars Müller Publishers finden. Sie enthält neben den Objektbeschreibungen auch Essays und persönliche Stellungnahmen der
Designer sowie ein aufschlussreiches Interview.
Super Normal: Sensations of the Ordinary, Lars Müller Publishers, 2007, Englisch, 128 Seiten, ISBN 978-3-03778-106-7
