Wort: Paula Mühlena / Bild: ZVG
Von der Milchtüte zum Designobjekt – das Start- up Enga Swiss beherrscht die zirkuläre Metamorphose.

Gildas Höllmüller, Sie sind der Gründer von Enga Swiss. Was genau macht das Unternehmen?
Ganz komprimiert: Wir verarbeiten Schweizer Kunststoffabfall mittels 3D-Druck und Plattenpressverfahren zu langlebigen Designobjekten für den Wohnbereich. Der Fokus liegt dabei ganz besonders auf lokaler Ressource und Fertigung sowie auf einem langlebigen Produkt.
Einen Schritt zurück: Sie sind nicht Designer im klassischen Sinne. Wie kam dieser Gründungswunsch?
Ich bin gelernter Maschinenzeichner und habe viele Jahre in der Luft- und Raumfahrt sowie im Maschinenbau gearbeitet. So war ich dort immer auch von Aspekten des Designs umgeben – allerdings abstrakter als etwa im Möbeldesign, wo ein unmittelbarer Bezug zum Objekt besteht. Ich habe Design dort als etwas extrem Interdisziplinäres kennengelernt und erkannt, wie elementar ein ganzheitlicher Blick ist: Nur so entstehen wirklich smarte Produkte, die etwa Nachhaltigkeit, Kosten, Herstellbarkeit, Ästhetik und Markttauglichkeit vereinen. Mit dieser Erfahrung wuchs der Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen – mit einem klaren Fokus auf der lokalen Produktion. Denn die meisten Alltagsprodukte in der Schweiz oder Europa werden nicht hier hergestellt. Da wollte ich ansetzen.

Wie kamen Sie zu dem Material Kunststoff?
Ich habe mich intensiv mit dem Post-Consumer-Stream beschäftigt – also etwa den Sammelsäcken, in denen in der Schweiz Kunststoff gesammelt wird. Dieses Material ist eine wertvolle Ressource, doch nur ein Bruchteil wird tatsächlich rezykliert. Dabei ist auch der Kunststoffabfall ein Werkstoff, den es reichlich gibt – und dessen Potenzial ich nutzen wollte.
3D-Druck – warum diese Technik und wie läuft das ab?
In der industriellen Kunststoffverarbeitung sind die Einstiegskosten enorm: Für einen einzigen Entwurf müssen aufwendige Werkzeuge gefertigt werden, die sich erst bei
sehr hohen Stückzahlen lohnen. Der 3D-Druck dagegen ist extrem flexibel – jede Produktionseinheit kann theoretisch eine neue Design-Iteration sein, auch Einzelstücke sind problemlos möglich. Zudem lässt sich lokal und dennoch automatisiert produzieren – mein erster Drucker stand tatsächlich in meiner Garage. Heute arbeiten wir mit Industriedruckern, die direkt mit Granulat drucken: Eine Milchtüte wird entsorgt, geschreddert, und aus den Flocken kann unmittelbar das Objekt entstehen. Ein geschlossener Kreislauf – und das erstaunlich effizient.
Das bringt Chancen für die Designschaffenden mit sich, oder?
Total. Das war von Anfang an ein Ziel: einen Spielplatz für Designschaffende zu öffnen. Mit geringen Kosten und in kurzer Zeit können sie ihre Ideen gemeinsam mit uns umsetzen. Bis vor Kurzem haben wir Lampen und einen Pflanzentopf verkauft – Entwürfe von mir. Jetzt haben wir neue Kollektionen mit vier Schweizer Designstudios entwickelt, um ein Sortiment anzubieten, das Wohn- und Arbeitsräume fast vollständig ausstatten kann.

Können Sie uns mehr zu den just lancierten Kollektionen erzählen?
Unsere Idee war a-typisch: mit vier Studios gleichzeitig arbeiten. Normalerweise folgt eine Kollaboration und Kollektion auf die nächste – wir haben aber allen zur gleichen Zeit den gleichen Auftrag und das gleiche Budget gegeben. Dabei wollte ich, dass alle ihren eigenen Stil einbringen; verbunden werden sie durch die Geschichte von Enga und die Materialität. So entstehen vier eigenständige Produktlinien von Lucie de Martin, Marc Gerber, Fink Product Design und Laure Gremion, begleitet von Studio Colony aus Basel. Mitte September, zur Eröffnung des House of Interiors in der Binz in Zürich, haben wir erste Stücke gezeigt – von modern-minimalistisch bis verspielt und poppig. Weitere Produkte folgen nun etappenweise.
enga.swiss, @enga.swiss
