Gemeinsame Sache

Mit dem House of Switzerland hat das Schweizer Designschaffen im Rahmen der kommenden Milano Design Week einen prominenten Auftritt. Pro Helvetia will damit den Grundstein legen für eine dauerhafte und starke Präsenz in der Designmetropole. Ein Gespräch mit Cécile Vulliemin und Marie Mayoly von Pro Helvetia.

Bild: ZVG

In wenigen Tagen beginnt die Milano Design Week. Die Schweiz ist zum zweiten Mal im House of Switzerland vertreten. Was macht den Auftritt der Schweiz aus?
Cécile Vulliemin: Das House of Switzerland ist in Milano die erste Adresse für Schweizer Design. Die Idee eines nationalen Design-Hubs ist einzigartig: Unsere jungen Talente, Studios, Marken, Schulen und Institutionen kommen unter einem Dach zusammen, tauschen sich aus, bauen Brücken zur Industrie und zum Publikum. Die Lage und die Ausstellungsräume sind zudem sehr attraktiv und eignen sich bestens, um Vielfalt, Tradition und Innovation zu zeigen. Als roter Faden zieht sich das Thema Urgent Legacy durch, auch das macht unseren Auftritt aus.
Marie Mayoly: Schweizer Design steht in einer starken Tradition und ist gleichzeitig bekannt dafür, nie an Ort zu treten. Es steht für technologische, digitale und industrielle Innovation in immer mehr Sektoren. Wir zeigen diese Vielfalt in sieben Ausstellungen, Talks und Workshops. Das Programm ist das Resultat einer offenen, thematischen Ausschreibung und einer internationalen Jurierung. Es geht also aus einem demokratischen und unabhängigen Ansatz hervor. Das sticht in Milano ebenfalls heraus.

Unser aktuelles Heft widmen wir dem Thema Fusion. Wo gibt es im House of Switzerland Verbindungen und Schnittmengen?
CV: Schweizer Design gehört zu unserem gemeinsamen Kulturerbe. Es prägt unsere Lebenswelt, es steht vor gewaltigen, globalen Herausforderungen und es entwickelt relevante Lösungen für kommende Generationen. Als wir das Projekt gemeinsam mit unserem Co-Produzenten Präsenz Schweiz entwickelten, fragten wir uns deshalb, wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einen Diskurs treten können.
MM: Urgent Legacy bringt das auf den Punkt. Alle Ausstellungen antworten darauf in ihrer eigenen Art und Weise: Sie setzen auf lokale Produktion, verantwortungsvollen Umgang mit Materialien, Recycling oder Upcycling, gesellschaftliche Inklusion oder Hilfsmittel zur Bewältigung der Klimakrise. Die visuelle Identität und die Szenografie bringen die vielfältigen Exponate weiter zusammen, ermöglichen Verbindungen und Schnittmengen. Als künstlerische Leiterin amtet die Freiburger Grafikerin Adeline Mollard. Sie hat mit ihrem Team Elemente aus Grafik, Design und Fotografie verbunden und sich an der Idee einer modularen Baustelle orientiert. Ziegelsteine stehen für das Fundament, auf dem Schweizer Design aufbaut und worauf ein neues gemeinsames Erbe entstehen kann.

Wie können diese Schnittmengen in der Praxis genutzt werden?
CV: Gemeinsam sind wir im so anregenden wie kompetitiven Umfeld der Milano Design Week stärker. Wenn wir unsere Kräfte und Ressourcen bündeln und zusammen unter einem Dach auftreten, gewinnen wir an Sichtbarkeit und erhöhen die Interaktion mit der internationalen Industrie. Wir hoffen, dass unser Joint Venture auch dazu beiträgt, den Zusammenhalt zwischen den Schweizer Akteurinnen und Akteuren dauerhaft zu stärken und dass die Netzwerke in der Praxis über Milano hinaus rege genutzt werden.
MM: Ausserhalb des House of Switzerland Milano zeigen weitere Schweizer Designerinnen, Designer und Marken ihre Arbeiten in Ausstellungen, Showrooms und Galerien, verteilt über die ganze Stadt. Dank der kostenlosen Swiss Design Map Milano von der Swiss Design Association behält man den Überblick. Diese praxisorientierte Initiative geniesst die Unterstützung von Partnern des House of Switzerland Milano. Sie ist ein konkretes Resultat von Verbindungen und Schnittstellen.

Bild: ZVG

Marie Mayoly, welche Kriterien galten bei der Auswahl der Designschaffenden?
MM: Die ausgewählten Projekte und Designideen antworten auf das Thema Urgent Legacy, verfügen über wesentliche Qualitäten der funktionalen Ästhetik und tragen zu einer nachhaltigeren Welt bei. Die Teilnehmenden wurden von einer renommierten internationalen Jury bestimmt. Um die relevantesten und aussagekräftigsten Projekte zu finden, hatte sie die Qual der Wahl: Wir haben auf die Ausschreibung mehr als 100 Bewerbungen aus der gesamten Designbranche erhalten. Das zeigt, dass sich unsere Initiative im zweiten Austragungsjahr bereits etablieren konnte und einem Bedürfnis entspricht.

David Glättli war bei der Gestaltung der Ausstellung involviert. Inwiefern?
MM: David Glättli hat das Ausstellungsdesign für die Schau Commun Ground gestaltet, die sechs Schweizer Designmarken und Manufakturen in einem Raum zusammenbringt. Embru, Lehni, Lichtprojekte Christian Deuber, Röthlisberger, Schindlersalmerón und Seledue haben sich alle der lokalen und ressourcenschonenden Herstellung von langlebigen Produkten verschrieben: Diese Werte bilden ihren «gemeinsamen Boden». David Glättlis Design umfasst unter anderem Aluminiumbleche, die den Raum dreidimensional strukturieren sowie einen Laufsteg aus rezykliertem Gummi.

Im Vergleich zu Skandinavien spielt Design hierzulande eine unbedeutendere Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Woher kommt das und wie wird Schweizer Design international wahrgenommen?
MM: Die Kreativwirtschaft spielt für das volkswirtschaftliche Gesamtsystem der Schweiz eine zentrale Rolle, gerade mit Blick auf das sehr hohe Qualitäts- und Innovationsniveau. Dieser Wirtschaftszweig wird aber im Allgemeinen weniger gewürdigt als andere, eher traditionelle Sektoren, welche zu den Grundpfeilern des Landes und zur kollektiven Vorstellungswelt gehören. Schweizer Design exportiert sich sehr gut. Beispielsweise arbeiten wichtige internationale Verlage und Marken mit Schweizer Designerinnen und Designern zusammen – aber die Öffentlichkeit erfährt leider noch zu selten davon. Mit Initiativen wie dem House of Switzerland Milano möchten wir die Wahrnehmung verändern, die Sichtbarkeit der Schweizer Designindustrie erhöhen und Wissen über ihre Bedeutung vermitteln.

design.swiss

Den ganzen Beitrag lesen Sie in der Ausgabe 04-23 der Wohnrevue.

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