Design Preis Schweiz 2021: Die Nominierten

Update folgt…

Am Abend des 5. Novembers ist es wieder so weit: In Langenthal wird der Design Preis Schweiz verliehen. Inzwischen stellen wir Ihnen laufend on- und offline die nominierten Projekte vor.

Kategorien:

Furniture

Lernwabe – Karton als Bausatz

Die Lernwabe ist eine modulare Raumstruktur, die wahlweise aus Karton oder aus Holz gefertigt wird. Mit ihrer Hilfe lassen sich in einem größeren räumlichen Kontext klein dimensionierte Rückzugsorte schaffen. Von einer Architektin und einem Lehrer gemeinsam entwickelt, ist sie vor allem für den Einsatz in Schulen, Kitas oder auch öffentlichen Bibliotheken gedacht. Dank ihrer Sechseckform lassen sich die Lernwaben vertikal stapeln. Sie ermöglichen auf diese Weise eine platzsparende und effiziente Erweiterung des Raumangebots. Die einzelnen Waben sind so dimensioniert, dass sie ein Gefühl von Privatheit, Geborgenheit und Ruhe vermitteln. Sie bieten sich für konzentriertes Lernen ebenso an, wie fürs Spielen oder Entspannen. Die verschiedenen Sitzstellungen und Körperhaltungen, die darin eingenommen werden können, sind auch physiologisch vorteilhaft. Die Waben aus Karton werden als Bausatz angeboten. Die späteren Nutzerinnen und Nutzer können sie unter Anleitung selbst zusammenbauen und mit Textilien, Tapeten oder Farben individualisieren.

TENSE Lounge Chair

Bei der Entwicklung des TENSE Lounge Chairs verfolgte das junge Designer-Duo Panter&Tourron zwei zentrale Ziele: Einerseits sollte der Sessel zu einem neo-nomadischen Lebensstil passen (einfacher, werkzeugloser Auf- und Abbau, Flatpack und leichter Transport). Andererseits sollte er möglichst nachhaltig gefertigt werden (sparsamer Material- und Ressourcenverbrauch, Recyclierbarkeit der Komponenten, geringes Gewicht und Transportvolumen). Herausgekommen ist ein minimalistischer, ausgefeilt konstruierter Sessel ohne Untergestell, der einen hohen Sitzkomfort verspricht. Der TENSE Lounge Chair besteht aus zwei dünnen, flexiblen Holzplatten unterschiedlichen Zuschnitts, die jeweils in einer textilen Hülle stecken. Durch Biegung und Faltung entsteht aus diesen Elementen, die mittels eines umlaufenden Reisverschlusses miteinander verbunden werden, der fertige Sessel. An den Stellen, an denen das Möbel mit dem menschlichen Körper in Berührung kommt, wird auf eine Polsterung mit Schaumstoff bewusst verzichtet. Stattdessen sorgt beim TENSE Lounge Chair ein 3D-Strickstoff für komfortables Sitzen.

Ming Shan Digital Experience

Ming Shan Digital Experience ist ein dreidimensionales Objekt, das sich jeder herkömmlichen Kategorisierung entzieht. Beschreiben lässt es sich als eine Art räumliche Installation, die geschaffen wurde, um ein tiefes Eintauchen in eine taoistische Meditation mit digitalen Mitteln zu unterstützen. Zugleich ist Ming Shan Digital Experience auch ein Forschungsprojekt, mit dem untersucht wird, wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse, digitale Technologie und eine uralte Meditationspraxis auf fruchtbare Weise miteinander verbinden lassen. Das Objekt besteht im Wesentlichen aus einer runden Holzplatte, auf der die meditierende Person im Schneidersitz Platz nimmt und einem von einer Metallstange getragenen, in Kopfhöhe angebrachten „Lichtring“ – eine Art 360° Screen, der farbiges Licht abstrahlt. Dieser Lichtring ermöglicht es, den Raum oberhalb des Kopfes offen zu lassen, da nach taoistischer Lehre stets eine  Verbindung zwischen Boden und Himmel bestehen muss. Ein spezieller Atemgürtel, der den Atmungsrhythmus beeinflusst, sowie eine Halterungen für drei Fingersensoren, mit denen Körperfunktionen gemessen werden, komplettieren die experimentelle Installation, die in einem taoistischen Meditationzentrum genutzt wird.

Going Circular Economy

Circular Eating

Einwegartikel aus Plastik – Trinkhalme, Einwegbestecke, Ohrstäbchen, Einkaufstüten usw. – haben angesichts des Klimawandels und der dramatischen Vermüllung der Weltmeere ein denkbar schlechtes Image. In einigen Ländern (in der EU seit Juli 2021) sind sie mittlerweile verboten. Die Schweiz entschied sich gegen ein Verbot, trotzdem braucht es auch hierzulande nachhaltige Alternativen für diese praktisch unverzichtbaren Produkte. Vor diesem Hintergrund entschloss sich das für seinen aus pflanzlichen Restabfällen hergestellten Bio-Kunststoff bekannte Schweizer Unternehmen Fluidsolids in Zusammenarbeit mit dem Designer Lukas Scherrer, zur Entwicklung eines ökologisch und zugleich funktional überzeugenden Einwegbestecks. Das unter der Bezeichnung Wellcompost vermarktete Produkt erfüllt die Kriterien der Kreislaufwirtschaft. Der dafür genutzte Kunststoff ist ein aus regional anfallenden Materialien mit vergleichsweise geringem Energieaufwand gewonnenes Biokomposit, das sich nach seiner Nutzung ohne Rückstände kompostieren lässt – auch auf dem heimischen Kompost. Das Design vermittelt ganz bewusst eine  hochwertige Anmutung. Durch sehr sorgfältige Arbeit am Detail gelang es ausserdem, die notorischen Schwachstellen herkömmlicher Einwegbestecke – scharfe Kanten, wabblige Griffe, stumpfe Messerschneiden etc. – auszumerzen.

Earlybird

Jahr für Jahr landen allein in der Schweiz zehntausende Paar Skier und mit ihnen wertvolle Ressourcen im Sperrmüll. Ein Recycling findet praktisch nicht statt. Denn die diversen Materialien, aus denen ein Ski besteht, werden in der Produktion so fest miteinander verbunden, dass sie sich später kaum mehr voneinander trennen lassen. Das 2014 gegründete Schweizer Label earlybird skis hat sich deshalb das Ziel gesetzt, einen recyclierbaren Ski zu entwickeln, der sowohl sportlich als auch ökologisch höchsten Ansprüchen genügt. Die Touren- und Freerideski des Unternehmens bestehen aus bio-basierten und recyclierten Materialien, die mit einem neuartigen, wieder lösbaren Epoxitharz miteinander verbunden werden: Kern und Seitenwangen der Ski sind aus FSC-zertifiziertem europäischen Holz, die Kanten aus reycliertem Stahl und die Gleitfläche aus ebenfalls recycliertem Polyethylen (UHMW-PE/ptex) gefertigt. Für die Decklage wird wahlweise ein Holzfurnier oder ein aus Castorbohnen gewonnenes, extrem kratzfestes Harz verwendet. Bei der Serienproduktion der Ski in Tschechien und Italien kommt ausschliesslich Ökostrom zum Einsatz. Der CO2-Fussabdruckk der earlybird Ski ist damit der niedrigste in der ganzen Branche und wird mit myclimate kompensiert.

V&R X CALIDA Capsule Collection

Die traditionsreiche schweizer Wäschemarke Calida hat sich in den letzten Jahren zu
einer Vorreiterin in Sachen Nachhaltigkeit entwickelt. Bereits 2016 führte man als erstes
Unternehmen der Branche das Label „Made in Green by Öko-Tex“ ein, das nach strengen
sozialen und ökologischen Kriterien vergeben wird und sowohl die verwendeten
Materialien als auch den Herstellungsprozess der Produkte umfasst. 2018 lancierte Calida das erste komplett kompostierbare Shirt aus Tencel Lyocell – einem aus Holz-Zellulose gefertigten Material – mit dem der Grundstein für die seither stark ausgebaute „100% Nature Collection“ gelegt wurde. Diese neue Produktlinie ist „Cradle to Cradle Certified“. Das bedeutet, dass alle dafür verwendeten Rohstoffe wieder in den biologischen Kreislauf eingehen. Als Teil der „100% Nature Collection“ präsentierte Calida 2020 die „Viktor & Rolf x Calida“- Kollektion – als erste zu 100 % biologisch abbaubare Designer-Capsule-Collection, die beweisen soll, dass sich High Fashion und Nachhaltigkeit verbinden lassen. Im Frühjahr 2021 konnte im Rahmen der Zusammenarbeit mit Viktor & Rolf eine weitere Produkt-Innovation vorgestellt werde: die erste, zu 100 % kompostierbare Spitze.

Cylcon Cloudneo

Cyclon ist ein völlig neuartiger Hochleistungs-Laufschuh, den das Schweizer Unternehmen On nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft entwickelt hat und 2021 auf dem Markt bringt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Sportschuhen, die stets aus einem praktisch nicht mehr auflösbaren Materialmix bestehen, ist der Cyclon ein Schuh aus nur einem Material. Sowohl die Sohle, als auch das Obermaterial – ein Strickgewebe – werden aus einem hochwertigen, biobasierten Kunststoff namens Risan PA 11 hergestellt, der sich dank seiner Qualität praktisch unbegrenzt oft recyceln lässt. Das bedeutet, dass der Cyclon nach seinem Gebrauch komplett in den Wertstoffkreislauf zurückkehrt. Das so wiedergewonnene Material wird genutzt, um einen neuen Schuh zu schaffen. Dieses Modell kann nur funktionieren, wenn die gebrauchten Schuhe tatsächlich der Wiederverwertung zugeführt werden. Daher wird Cyclon nicht verkauft, sondern in einer Art Abo vermietet. Während die Schuhe am Ende ihres Lebenszykluses zurück zum Hersteller gehen, erhalten die Kundinnen und Kunden postwendend ein neues Paar.

Circular 1 (ID Watch)

2018 befasste sich der WWF mit der Ökobilanz der Schweizer Uhrenindustrie. Das Ergebnis war ernüchternd: Praktisch kein Unternehmen der Branche setzte sich offensiv für Umweltbelange ein und die gesamte Industrie vermied Aussagen zur Umweltverträglichkeit ihrer Produktion. Für drei junge Schweizer – allesamt seit Jahren in der Uhrenindustrie tätig – war dies der Anstoss zur Gründung eines Start-ups und zur Entwicklung der ersten, nach den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft konzipierten Uhr. Unter dem Label ID Watch Genève können bereits im Sommer 2021 die ersten dieser Uhren ausgeliefert werden. Die ID Watch, die ausschliesslich lokal gefertigt wird, besitzt ein Gehäuse aus hochwertigem, recyclierten Edelstahl. Sie nutzt bereits bestehende, sorgfältig aufgearbeitete mechanische Uhrwerke. Die Uhrenbänder sind aus einem lederartigen Textil gefertigt, das aus Traubentrester gewonnen wird. Für die Verpackung kommt eine aus Pilzfasern bestehende Kartonage zum Einsatz, die auch zuhause zu 100 % kompostierbar ist. Die modulare Konstruktion ermöglicht eine Reparatur der Uhr und einen einfachen Austausch von Einzelteilen.

Project Circleg

Nach Angaben der WHO benötigen weltweit ca. 35-40 Mio. Menschen orthopädische Beinprothesen, um sich unabhängig von fremder Hilfe fortbewegen zu können. Etwa 80 % dieser Menschen leben in Ländern mit einem geringen Durchschnittseinkommen. Nur jede Zehnte betroffene Person verfügt über ausreichende finanzielle Ressourcen, um eine solche Prothese zu erwerben. Vor diesem faktischen Hintergrund entstand das von zwei jungen Zürcher Industriedesignern mit ausgeprägtem Interesse für Social Design und Kunststoffe initiierte Project Circleg. Das mittlerweile von einem sechsköpfigen Kernteam sowie zahlreichen externen ExpertInnen vorangetriebene und von namhaften Institutionen unterstützte Projekt verbindet eine klassische Industriedesign-Aufgabe – die Entwicklung und Gestaltung einer funktional überzeugenden Beinprothese – mit einem sozialen Anliegen und einem Circular Economy Ansatz. Das hochwertige Circleg Prothesen-System wird aus einem gehärteten, recyclierten Kunstoff hergestellt und zeichnet sich durch geringes Gewicht sowie gute Tragbarkeit aus. Sein modularer Aufbau ermöglicht individuelle Anpassungen und den einfachen Austausch von einzelnen Komponenten. Alle Komponenten der Prothese lassen sich problemlos erneut recyclieren. Für die Produktion und Distribution der Prothesen werden regionale Strukturen genutzt bzw. aufgebaut. Einerseits um die Produktionskkosten niedrig zu halten, andererseits um lange Transportwege zu vermeiden. Mit Partnern in Kenya arbeitet Circleg derzeit an der Implementierung der Serienproduktion.

Product Consumer

MÜLLEX X-LINE – Waste Separation Systems

Müllex X-Line ist ein neu entwickeltes Behältersystem für Haushaltsabfälle, das Nutzerinnen und Nutzer bei der Mülltrennung und beim Recycling von Wertstoffen unterstützt. Das System lässt sich in ausziehbaren Küchenunterschränken aller marktüblichen Korpusbreiten einbauen. Eine eigens entwickelte, patentierte Ratsche erleichtert die Installation, für die nur wenige Handgriffe notwendig sind. Müllex X-Line stellt für verschiedenste Wertstoffe die passenden Recyclingbehälter bereit. Der Hauptbehälter ist für den Schweizer 35-Liter Gebührenabfallsack ausgelegt. Daneben lassen sich bis zu sieben Zusatzbehälter in das System integrieren. Bei der Gestaltung, mit der das Designbüro Estragon beauftragt wurde, standen die Funktionalität und eine geradlinige Formensprache im Mittelunkt: bewegliche Sackspanner erleichtern das sichere Einspannen der Säcke. Während die Behälter grau gehalten sind, heben weisse Tragebügel und Sackspanner die Funktion dieser Elemente hervor. Sämtliche Bügel und Griffe sind leicht und sicher zu fassen sowie einfach zu reinigen.

PHONOCUT

Zur Produktion einer Vinyl-Schallplatte benötigt man professionelles technisches Know-how und Maschinen im industriellen Massstab. Diese jahrzehntelang korrekte Feststellung hat ihre Gültigkeit verloren. Denn mit PHONOCUT, dem weltweit ersten Vinyl Recorder für den Heimgebrauch, gibt es jetzt ein Gerät, mit dem sich auf sehr einfache Weise hochwertige Vinyl-Platten herstellen lassen – als Einzelanfertigung oder in kleinen Auflagen. Die Entwickler von PHONOCUT – allesamt selbst zur stetig wachsenden Gruppe der Vinyl-Enthusiasten zählend – hatten hinsichtlich Anmutung und Funktion des Gerätes klare Zielvorstellungen: Der Vinyl Recorder sollte in Anlehnung an die Gestaltung hochwertiger Hi-Fi Geräte ein formal schlichtes Design erhalten. Er sollte nach dem Anschluss der Audioquelle absolut einfach mit nur einem Knopfdruck zu bedienen sein und er sollte durch die Klang-Qualität und Präzision der produzierten Schallplatten überzeugen. Ein eigens erfundenes System zur Auswechslung der Schneidstichel, mit denen die Platte geritzt werden, ermöglicht die simple Handhabung des Geräts. Nach einer erfolgreichen Kickstarter-Kampagne wird PHONOCUT Ende 2021 in Serienproduktion gehen und Dank einer vernünftigen Preispolitik für viele Vinyl-Fans erschwinglich sein.

LAUFEN – save!

Das Urin-Trenn-WC Save! ist ein vollwertiger, im Prinzip überall einsetzbarer Toilettensitz mit einer unsichtbar eingebauten „Urin Falle“ („Urin Trap“). Dabei wird  Urin unter Ausnutzung der Oberflächenspannung in Richtung eines separaten Auslasses geleitet. Feststoffe, Toilettenpapier und das Spülwasser gehen derweil wie gewohnt in den Abfluss. Für die Abtrennung des Urins werden keinerlei technischen Hilfsmittel benötigt, wohl aber eine ausgefeilte Geometrie des Keramikbeckens, die freilich nicht weiter ins Auge fällt. Save! ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen Keramik Laufen, dem österreichischen Designstudio EOOS und dem Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag. Der neuartige Toilettensitz folgt der Idee der „Source Separation Technology“ bei der das WC-Abwasser bereits an der Quelle getrennt wird. Dadurch können die verschiedenen Abwässer nachhaltig verarbeitet und wertvolle Ressourcen wiedergewonnen werden. Menschlicher Urin enthält Rohstoffe wie Phosphor und Stickstoff, aus denen sich Düngemittel gewinnen lassen. Heute gelangen diese Stoffe in die natürlichen Gewässer, wo sie erheblich zu einer gefährlichen Nährstoffübersättigung beitragen.

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