Wort: Paula Mühlena / Bild: ZVG
Warum erscheint uns ein Objekt normal? Wie erlangt es diesen Status? Und was ist dann «Super Normal»? Im Gespräch mit dem Designer Ville Kokkonen eröffnen sich nuancierte Perspektiven. Zwischen Autorenschaft, kulturellen Kontexten, Alltagsrealitäten, persönlichen Anekdoten und der Gestaltung selbst entsteht ein Umriss – veranschaulicht durch ein Paar Gummistiefel, ein Besteckset oder eine einfache Tasse.

Ville Kokkonen, was ist Ihre erste Assoziation zu «Super Normal»?
Der Begriff ist sehr stark. «Super» ist ein extremes Adjektiv, «Normal» ist ebenso kraftvoll, steht aber auch in der Kritik: Was bedeutet Normalität überhaupt, gerade in unterschiedlichen kulturellen Kontexten? Man braucht immer eine Referenz. Ich verbinde den Begriff mit der Ausstellung «Super Normal» von Jasper Morrison und Naoto Fukasawa, die 2007 in der Triennale Mailand gezeigt wurde und auch eine Publikation hervorbrachte. Für Designschaffende war sofort klar, was damit gemeint ist – in diesem Kontext funktioniert der Begriff. Aber ausserhalb der Designwelt braucht es mehr Erklärungen. Ich persönlich nutze den Begriff kaum. Für mich ist er zu eng mit dieser Ausstellung und Publikation verknüpft.

Sie haben uns trotzdem Objekte mitgebracht, die Sie mit dem Begriff verbinden. Zum Beispiel schwarze Gummistiefel. Was hat es damit auf sich?
Ich bin in Finnland aufgewachsen, dort sind die Wetterbedingungen oft rau. Diese Gummistiefel von Nokia waren die ersten ihrer Art – robust, langlebig, für alle erschwinglich. In meiner Kindheit hatte sie jeder, unabhängig vom Status. Man konnte damit draussen spielen, rennen – später wurden sie auch im Militär getragen. Es gab weisse Versionen für Labore oder orange für die Forstwirtschaft. Interessant ist, dass derselbe Hersteller später auch Gummikabel und schliesslich die ersten Handys produzierte. Die Stiefel-Sparte wurde jedoch später verkauft und gehört nicht mehr zum Tech-Konzern Nokia. Noch heute trägt fast jeder in Finnland diese Stiefel – sie sind selbstverständlich und für den Finnen, wenn man es denn so ausdrücken will: super normal.
Kennen Sie den Designer oder die Designerin dieser Schuhe?
Nein, ich habe es einmal versucht herauszufinden, aber ohne Erfolg. Vielleicht hat damals einfach jemand ein Holzmodell eines Fusses genommen und die «Gummitechnik» darauf angewendet. Es gibt keinen Namen – und irgendwie mag ich das auch.
Spielt die Frage nach Autorenschaft im Design überhaupt eine Rolle?
Die Frage lässt mich an den finnischen Designer Kaj Franck denken – den Grossvater der Simplizität. Seine Haltung war der Idee von «Super Normal» sehr nahe. Grundsätzlich interessierte ihn das Alltagsobjekt. Er entwarf etwa eine Kaffeetasse – für mich die normalste Tasse überhaupt. Damals war er überzeugt, dass der Name der Gestaltenden nicht genannt werden sollte – er glaubte an anonymes Design. Später revidierte er allerdings seine Meinung: Er erkannte, dass die Nennung des Namens den Wert von Objekt und Marke erhöhen oder sogar dazu führen könne, dass jemand es länger behält. Ich verstehe beide Ansätze. Bei meinen Überlegungen zu normalem Design stiess ich immer wieder auf Gegenstände, die anonym sind. Das ist sicher ein Aspekt, aber unabhängig davon würde ich heute vermutlich eher Francks späterer Position zustimmen.

Sie haben uns ausserdem das Besteckset «Savonia» gezeigt, das heute von Iittala produziert wird – ein Designstück. Warum?
In Finnland kennen wir es eigentlich nur als «Hackman»-Besteck, nach dem ursprünglichen Hersteller. Heute gehören die Produkte von Hackman zu Iittala. Einmal besuchte ich mit einem Designerfreund eine Fabrik in Finnland. In der Cafeteria lag dieses Besteck auf den Tischen. Mein Freund war überrascht: «Wie kann es sein, dass ihr hier in einer Fabrik Designbesteck habt?» Erst da wurde mir klar, wie besonders es ist – und wie normal zugleich. In Finnland findet man es in jeder Schule, in jedem Kindergarten. Es ist genau wie bei den Gummistiefeln. Es gibt keine Klassifizierung – es ist einfach Teil des Alltags. Das liegt auch daran, dass es früher zu teuer war, Objekte zu importieren. In der frühen Moderne kam so gut wie alles aus Finnland selbst. Und viele Dinge – wie dieses Besteck – sind so langlebig, dass sie bis heute genutzt werden.
Also ist der Langlebigkeits-Aspekt auch mit der Wahrnehmung von «normal»
verknüpft?
Bestimmt auch, ja. Beim Besteck ist es sicher die Kombination aus Ultra-Funktionalismus und einem geringen Preis, die zu seiner Verbreitung geführt haben. Das lässt sich auch auf markenspezifische Objekte wie Salz- und Pfefferstreuer oder die Sojasaucenflasche übertragen – sie waren auch Teil der «Super Normal»-Ausstellung. Alles preisgünstige Objekte, die sich in einer bestimmten Nation stark verbreiteten, weil es dort oft einen einzigen Produzenten gab, der dieses langlebige Produkt fertigte. Ein Beispiel ist auch Italien: Dort hatten früher praktisch jeder Haushalt und jedes Restaurant hochwertige Edelstahlobjekte von Alessi. Ihre Produkte waren damals nicht teuer, aber sehr langlebig – und dann verbreitet.

Langlebigkeit ist also ein Aspekt. Zudem las ich einen Artikel, der besagte, dass das wohl Normalste der Welt die Veränderung ist. Was denken Sie dazu?
Das ist ein guter Punkt. Einmal arbeitete ich mit einer japanischen Gusseisen-Manufaktur und erhielt den Auftrag, eine Teekanne zu entwerfen. Es war eine grosse Herausforderung, da dieses Handwerk und Objekt in Japan eine lange Tradition haben, die ich als westlicher Designer nur begrenzt verstehe. Es ist eine sensible Angelegenheit. Irgendwann wurde mir jedoch klar: Genau das war es, was der Kunde wollte – die Mischung. In meinem Entwurf verband ich die traditionelle Form mit meinen eigenen Assoziationen – ein Hybrid gewissermassen. Dass es mehr solcher Zusammenführungen von Kulturen gibt, ist in Zeiten der Globalisierung vielleicht das eigentlich «Normale». Das bedeutet: ständige Veränderung.

Sie sind selber Designer. Denken Sie jemals im Prozess darüber nach, ob etwas «normal» ist?
So direkt eher nicht. Aber vor einigen Jahren habe ich für Laufen eine Drückerplatte für WC-Spülungen entworfen – da habe ich konkret darüber nachgedacht: Wie lässt sich ein solches Objekt so gestalten, dass es jeder sofort versteht – Kinder ebenso wie ältere Menschen? Was ist das Normalste – und damit auch das Intuitivste und Natürlichste? Die meisten Entwürfe folgen dem Prinzip eines reduzierten Rechtecks im rechteckigen Grundformat, mit zwei unterschiedlich grossen Betätigungsflächen, flächenbündig integriert. Ich hingegen habe alles auf zwei nebeneinanderliegende runde Knöpfe reduziert – einer deutlich hervorgehoben, der andere subtiler. Keine grafischen Symbole, nur Form und Funktion. Für mich war das eine Übung in Reduktion. Und ich mag dieses Objekt, gerade weil es so alltäglich ist. Es ist überhaupt nicht glamourös – sondern schlicht notwendig.
Als letzte Frage: Sie sind nun seit über zehn Jahren schon in der Schweiz. Sie arbeiten und wohnen in Murg am Walensee. Gibt es dort etwas ortsspezifisch Normales?
Mein Studio befindet sich in einer ehemaligen Spinnerei von 1910. Oben Büro, unten Werkstatt. Besonders mag ich die alten Details: den Aufzug mit seinen schönen Griffen – wirklich wunderschön –, die Seifenspender und die Aluminiumablagen in den Badezimmern. Ich berühre diese Dinge täglich. Sie sind funktional und normal für diesen Ort. Ich
bin froh, dass sie nicht ersetzt wurden.
Ville Kokkonen ist ein finnischer Industriedesigner mit Studio in Murg am Walensee. Seine Arbeit bewegt sich zwischen Möbeldesign, Forschung und Technologie – stets mit Blick auf zukünftige Lebensformen. Er arbeitete unter anderem mit Firmen wie Nokia, Iittala, Ensto, Artek, MAS Karimoku und Jianze zusammen.
villekokkonen.com
