Idylle im Plattenbau

Wort: Anina Cammarota / Bild: Studio Gataric Fotografie
Das Raumgefühl der Ferienwohnung im Fellergut bei Bern lässt einen pointierten Blick auf Vergangenes zu.

Hochhaus, 15. Stock: Setzt man sich im Wohnzimmer auf den Fussboden, offenbart sich die Wohnung im Fellergut in Bümpliz vollumfänglich. Der Blick durch die grosszügige Fensterfront hinaus ins Weite lässt – dank der gegebenen Höhe, kombiniert mit den niedrig konstruierten Decken – ein unerwartetes Raumgefühl zu. In den 1970er-Jahren, als der Plattenbau seinen letzten Höhenflug erlebte, wurde im Innenausbau zunehmend Wert darauf gelegt, einen Bezug zum Fussboden zu schaffen. Dies wurde damals durch Teppichböden und niedrige Sitzmöbel erreicht. Auch in der Ferienwohnung in Bümpliz wurde diese Gestaltungsart aufgenommen: mit bewusst platzierten Teppichen, die wiederkehrend im Wohnzimmer sowie in allen Schlafzimmern zu finden sind.

Im Aufzug werden den künftigen Feriengästen die architektonischen Begebenheiten des Hochhauses vor Augen geführt. Nur jeder dritte Stock ist im Fahrstuhl aufgeführt. Denn alle Wohnungen verlaufen über zwei Geschosse, die alternierend von der Zugangsebene aus nach oben oder nach unten ausgerichtet sind. Im 15. Stock findet sich auf dem mit Teppich ausgelegten Gang die Wohnung Nummer 99. Darin nährt nichts die Vorurteile, die sich bis heute hartnäckig gegenüber Plattenbauten gehalten haben. Auch wenn die Siedlung in ihrer Betonbauweise von aussen schwer wirken kann – in den Innenräumen entspricht nichts der ihr nachgesagten engen Atmosphäre.

Unerwartete Lichtqualität
Das Stockwerk, auf dem die Wohnung 99 liegt, befindet sich über dem gewohnten Sichtbereich. Dies kreiert ungewohnte Lichtverhältnisse und eine unvergleichliche Atmosphäre. Das Lichtspiel, das dabei entsteht, wird durch Segeltuchvorhänge unterstützt. Diese müssen in schwindelnder Höhe keine schützende Funktion gegen Blicke von aussen einnehmen. Sie dienen einzig dazu, das Licht und dessen Spiel zu unterstützen. In Weiss gehalten, werden sie zu einer Leinwand für die durch Reflexion entstandenen farbigen Schatten. Die Löcher im oberen Teil des Stoffes bringen einnehmende Effekte im gesamten Raum hervor. Intensiviert werden diese durch die Ost-West-Ausrichtung der Wohnung, die spektakuläre Sonnenauf- sowie Sonnenuntergänge zeigt.

Küche, Bad, Eingang sowie Treppe der Wohnung sind in hervorragendem Originalzustand. Gebaut wurde das Hochhaus vom Architektenpaar Hans und Gret Reinhard, wobei Gret im Innenausbau eine prägnante Rolle einnahm. Obwohl die Stadt Bern die Siedlung nicht unter Denkmalschutz gestellt hat, wurde die beeindruckend gut erhaltene Wohnung in das mannigfaltige Repertoire der Stiftung «Ferien im Baudenkmal» aufgenommen.

Die Grosstafelbauweise, wie sie in der Schweiz genannt wird, fand ihre Blütezeit in den Nachkriegsjahren. Die Wohnungsnot und die geschwächte Wirtschaft verlangten nach bezahlbarem Wohnraum. Betonfertigteile machten den günstigen Wohnbau möglich. Diese modularen Bauteile sind heute in der Wohnung 99 in Bümpliz noch im Originalzustand erhalten. Die heutige Einrichtung kombiniert Modularität und Massenanfertigung mit teils eigenhändig gefertigten Einzelstücken. Renommierte Künstlerinnen sind in der Wohnung genauso vertreten. Die Sofakissen wurden von der deutschen Künstlerin Nele Bode im Jahr 1972 designt. Das in der Wohnung zu findende «Jenga»-Spiel, das Leslie Scott in den 1970er-Jahren entwickelte, lädt zu geselligen Abenden im Wohnzimmer ein.

ferienimbaudenkmal.ch


 

 

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