Eingepasst

Wort: Anina Cammarota / Bild: Hoang Le Photography
Dicht an dicht stehen die Häuser an der belebten Strasse der vietnamesischen Metropole Hanoi. Mittendrin, eingezwängt in die Häuserreihe, ragt das Projekt «CH House» des vietnamesischen Architekturbüros Oddo Architects schlank in die Höhe.

Ein Moment – eingefangen in der pulsierenden Hauptstadt Vietnams. Die Strasse ist gesäumt von den eng gedrängten Häuserzeilen entlang des Trottoirs.

Die geschichtsträchtige Metropole Hanoi, die mit über tausend Jahren die älteste noch bestehende Stadt Südostasiens ist, spielt eine zentrale Rolle in der Bewahrung der vietnamesischen Kultur und von alten Traditionen. Hanoi – zu Deutsch Stadt innerhalb der Flüsse – kämpft jedoch seit Jahren mit einer enormen Platz- und Wohnraumbeschränkung aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte, intensiver Verkehrsproblematik, schlechter Luft sowie einem Mangel an öffentlichen Räumen und Grünflächen.
All diese Faktoren machen die Grossstadt zu einem schwierigen Umfeld für neue Bauvorhaben. Das vietnamesische Architekturbüro Oddo Architects beweist mit dem «CH House» im Herzen Hanois, dass innovative Lösungsansätze durchaus möglich sind. Das Projekt nutzt den begrenzten Raum optimal aus und schafft gleichzeitig einen harmonischen Rückzugsort für ein traditionelles Familienleben über drei Generationen inmitten der hektischen Umgebung der Grossstadt.

Das Modell veranschaulicht die architektonische Raffinesse des Entwurfs. Besonders gut erkennbar sind die drei Treppenaufgänge, die zugleich als natürliche Lichtschächte dienen.

Typisch und doch untypisch
Die Parzelle des Hauses ist, wie im asiatischen Raum üblich, äusserst schmal. Auf gerade einmal vier Metern Breite erstreckt sie sich dafür über 35 Meter in die Länge. Das Gebäude präsentiert sich als schmales, langes Röhrenhaus. Der Entwurf bietet jedoch einen neuen Ansatz für diese in Vietnam weit verbreitete Wohntypologie. Häuser dieser Art weisen oft Mängel in den Gemeinschaftsbereichen, bei den Lichtverhältnissen und bei der natürlichen Belüftung auf. Diese Herausforderungen wurden im Projekt gezielt angegangen.
Während das «CH House» von aussen ein einfaches Innenleben vermuten lässt, überrascht es mit bemerkenswerter architektonischer Raffinesse im Innern. Die Räume verteilen sich auf fünf Stockwerke, wobei eine einladende Dachterrasse in beeindruckender Höhe den Abschluss einer Vielzahl von Gemeinschaftsräumen bildet. Die ersten beiden Ebenen sind durchgehend offen gestaltet und fungieren als Gewerbebereich, während sich die Privaträume in den oberen drei Stockwerken ansiedeln.

Die doppelschichtige Fassade ermöglicht Sonnenlicht im gesamten Wohnbereich. Die Zwischenebenen schaffen innerhalb der schmalen Parzelle ein Gefühl von Grosszügigkeit.

Die doppelschichtige Fassade ermöglicht Sonnenlicht im gesamten Wohnbereich. Die Zwischenebenen schaffen innerhalb der schmalen Parzelle ein Gefühl von Grosszügigkeit.Das enge Familienverhältnis und die generationenübergreifende Wohnweise sind typisch für die vietnamesische Kultur. Privatsphäre wird durch kleinere, separate Räume in den oberen Stockwerken geschaffen. Die klare, geometrische Anordnung und die variierenden Deckenhöhen unterstützen dabei das Gefühl von Weite und Grossräumigkeit. Die Ebenen sind über drei Treppenaufgänge miteinander verbunden, wodurch mehrere Lichtschächte entstehen. So gelangt natürliches Licht in alle Geschosse des Hauses. Gleichzeitig werden zusätzliche Begegnungszonen für die Familien geschaffen und die Gemeinschaft gefördert.

Grosse Fenster in der Fassade sorgen für eine optimale natürliche Belichtung und dienen zugleich als gestalterischer Blickfang in der schmalen Fassade des Röhrenhauses.

Innen und Aussen im Einklang
Ein zentrales Element ist die Begrünung im und um das gesamte Haus. Oddo Architects ist stets bestrebt, das Leben der Menschen zu verbessern. Eine naturnahe Gestaltung ist für sie wesentlich. Da es durch das rasante Wachstum der Stadt immer weniger Grünflächen gibt, bringen die Architekten Natur ins Gebäudeinnere. Die Fassade weist zudem besondere Merkmale auf. Zur Strasse hin ist sie als Doppelschicht konzipiert: Eine äussere Schicht aus perforierten Zementblöcken und eine innere aus Glasscheiben. Diese Konstruktion bietet einerseits Schutz vor Staub, ermöglicht jedoch andererseits eine natürliche Belüftung durch das grosse Fenster.
Das Projekt vereint moderne Lebensstile mit den traditionsreichen Werten Vietnams und bietet eine ästhetisch-funktionale Antwort auf die spezifischen klimatischen und geografischen Gegebenheiten der Region.  •

Konzept Röhrenhaus
Die Bauweise der Röhrenhäuser geht auf die französische Kolonialzeit zurück, als Wohnsteuern nach der Breite der Hausfassade bemessen wurden – was das Bauen in die Tiefe anregte. Klassische Bauten sind häufig bis zu fünfmal länger als breit. Auch mit aktuellen Herausforderungen wie der hohen, stetig wachsenden Bevölkerungsdichte und dem begrenzten Raum in Grossstädten bietet dieser Baustil bis heute Vorteile. In den letzten Jahren sind immer mehr Architekturbüros bestrebt, die Mängel der Röhrenhäuser zu beheben und sie an moderne Lebensbedürfnisse anzupassen. Aktuelle Projekte sind faszinierende Beispiele für progressive, moderne Architektur, die traditionelle Werte bewahrt.


 

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