Die urbane Quelle

Wort und Bild: Paula Mühlena
In der Schweiz fest verankert, sind Brunnen nicht überall Realität. Wasser wird zur Herausforderung des urbanen Raums – ein Blick auf die Ressource Wasser: einst, heute und am Beispiel Zürich.

Brunnen Nr. 1233 Vor dem Freibad Letzigraben gibt dieser Brunnen, Baujahr 2004, schon einen Vorgeschmack auf das kalte Nass im Familienbad, das der Schriftsteller und Architekt Max Frisch 1943 entwarf.

Wasser ist längst zu einem drängenden, globalen Thema geworden. Nicht nur ist sauberes Wasser eines von 17 Zielen der Vereinten Nationen, die besonders die mehr als zwei Milliarden Menschen ohne direkten Zugang im Blick hat. Auch der wachsende Ressourcenverbrauch, der Klimawandel und das Bevölkerungswachstum verschärfen weltweit den Druck auf zentrale Lebensgrundlagen wie Wasser. Laut einer UN-Prognose wird die globale Nachfrage bis 2030 um über 40 Prozent steigen. Besonders betroffen sind Städte – bereits heute lebt mehr als die Hälfte der globalen Bevölkerung im urbanen Raum. «Water Stress» und die «trockene Stadt» zählen daher zu den unmittelbarsten Bedrohungen des 21. Jahrhunderts. Darauf wies auch die Wanderausstellung «Wasser. Gestaltung für die Zukunft» im Toni-Areal des Museums für Gestaltung Zürich hin, die bis April diesen Jahres zu sehen war. Sie zeigte aber auch, wie etwa Design im Zusammenspiel mit anderen Disziplinen auf diese Herausforderungen reagieren kann – etwa bei der Trinkwasserversorgung in Städten. Und damit rücken auch die Brunnen ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

Unlogisches Wasser
Der Zwischentitel verweist auf die Absurdität von Wasser aus Plastikflaschen. Weltweit – auch interkontinental – wird es transportiert, verkauft und konsumiert. Allein in den USA stieg der Verbrauch abgefüllten Wassers von 31,9 Milliarden Litern im Jahr 2010 auf 51,4 Milliarden Liter im Jahr 2017. Kaum zu glauben, wenn man weiss, dass in etwa New York City trinkbares Wasser aus jedem Hydranten fliesst. Doch wie die Kuratorin der vorangehend erwähnten Ausstellung Jane Withers betont, ist den meisten Menschen im Big Apple dieser Umstand nicht bewusst. Und genau hier liegt ein Problem: das mangelnde Verständnis für die Ressource Wasser.

Brunnen Nr. 226 Beim Letziparkstadion verweist ein Widderkopf auf den nahe liegenden Schlachthof. Er wurde 1909 gebaut. Der Trog ist aus Muschelsandstein gefertigt, das Podest aus Granit.

Früher war das Wassertrinken eine öffentliche Handlung. Bevor Haushalte über eigene Wasseranschlüsse verfügten, ging man zu natürlichen Quellen. In London galten dabei sogar verschiedene als unterschiedlich gesund: Schwefelhaltiges Wasser trank man etwa morgens wegen seiner abführenden Wirkung, eisenhaltiges zu anderer Zeit. Auch in Zürich gab es eine solche Heilquelle: Der frühere Helmhausbrunnen, später als «Gesundbrunnen» bekannt, galt lange als wundertätig. Zudem war der Brunnen ein geselliger Ort: Mägde und Hausfrauen etwa trafen sich in Zürichs Gassen mit Krug und Eimer mehrmals am Tag – auch für einen Schwatz.

Brunnen Nr. 6040 Einer von über 80 Notfallwasserbrunnen aus Bronzeguss: Anders als die meisten Zürcher Brunnen sind sie ans Notwassernetz angeschlossen und sichern im Ernstfall die Versorgung der Umgebung.

Mit der Industrialisierung jedoch verschmutzten diese natürlichen Quellen in vielen Grosstädten – mit teils verheerenden Folgen. So entstand 1895 etwa in London der erste Trinkwasserbrunnen. In nur zehn Jahren folgten 800 weitere. Die Wasserkultur wurde zelebriert; renommierte Architekten gestalteten viele der Brunnen und die Bevölkerung war stolz auf diese fortschrittliche Entwicklung. Diese öffentliche Nutzung wurde in den 1970er-Jahren zunehmend von der Plastikflasche verdrängt – und mit ihr auch das Verantwortungsgefühl der Städte für frei zugängliches Trinkwasser.
Heute rückt die Ressource wieder ins Zentrum. Viele Städte reagieren – auch wegen der Verschmutzung durch Plastik. Sie bringen Brunnen zurück, fördern neue Designs sowie Standorte. Damit re-etablieren sie kostenloses Trinkwasser als wesentliches Grundrecht sowie den Bezug der Städter zur natürlichen und lokalen Ressource.

Brunnen Nr. 564 Wie ein Stein unter vielen fügt sich dieser Brunnen aus Castione-Granit unauffällig ins Gesamtbild ein. Errichtet 1955 im Heiligfeldpark in Wiedikon, wird er bis heute mit Quellwasser gespeist.

Herausragend
Die Schweiz ist in Sachen öffentlicher Wasserversorgung vielen Ländern voraus – und das schon seit Jahrhunderten. Bereits im 15. Jahrhundert wurden in Städten wie Zürich Brunnen als feste Bestandteile des öffentlichen Raums installiert. In der wohlhabenden Stadt wollte man vermeiden, dass alle Bewohner ihre Wäsche im Zürichsee oder in der Limmat wuschen – und schuf stattdessen schon damals ein ausgiebiges Netz an Brunnen. Der älteste heute noch bestehende und stets funktionierende Brunnen Zürichs ist der Amazonenbrunnen am Rennweg im Stadtkreis 1 – erbaut 1430.

Brunnen Nr. 1050 Einer von fünf: Seit 1981 stehen diese Brunnen aus Cristallina-Marmor von Charlotte Germann-Jahn auf dem Hardturmareal – hier direkt an der Limmat. Die Formen erinnern an menschliche Figuren.

Berechnet man heute Brunnen pro Einwohner, belegt die Schweiz nach Montenegro und Ungarn weltweit den dritten Platz. Die globale Städterangliste führt Zürich mit über 1200 Brunnen an. Eine unglaubliche Dichte, die rund um die Uhr instand gehalten wird: Acht städtische Mitarbeitende sorgen dafür, dass jeder Brunnen wöchentlich gereinigt und kontrolliert wird.
Eine vollständige Übersicht – inklusive Karte und Brunnenguide nach Stadtkreisen – ist auf der Webseite der Stadt Zürich in der Rubrik «Brunnen» zu finden.


 

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