Auf drei Bäumen

Wort: Paula Mühlena / Bild: Peter Tillessen
Getragen wird die dreieckige «Casetta Tessino» im Wald des Valle Onsernone nicht nur von drei Bäumen, sondern gewissermassen auch von einem Geist des Ungehorsams, vom Mut zum Experiment und zur Radikalität.

Drei Bäume dienen als Ankerpunkte für eine dreieckige Basis, darüber liegt ein gedrehtes Dreieck. Eine Fassade blickt zum Hang, die beiden anderen talauf- und talabwärts.

Anfang 2024 wandte sich ein Schweizer Künstler und Klimaaktivist an den jungen Architekten Olin Petzold mit dem Wunsch nach einem abgelegenen Rückzugsort im Wald seines Grundstücks im Tessin. Weil der Gebäudebestand nicht erweitert werden durfte, bot sich ein Baumhaus an – ein Weg, die Regularien zu umgehen. Das erhobene Refugium sollte dem Schreiben und dem Aktivismus dienen – zum Ort der Kontemplation, Einfachheit und Befragung eigener Gewohnheiten werden.
Rasch zeigte sich eine Parallele zum Schriftsteller Henry David Thoreau, die zum inhaltlichen Bezugspunkt wurde. Thoreau lebte Mitte des 19. Jahrhunderts für zwei Jahre bewusst abgeschieden in einer einfachen Blockhütte im Wald und dokumentierte dieses Experiment in seinem Buch «Walden». Entsprechend umfasst auch das dreifassadige Haus – wie in Thoreaus Hütte – lediglich einen Schlaf-, Sitz- und Schreibplatz. Das Bett ist in den Boden eingelassen; zwei Bretter bilden Bank und Schreibtisch. Der Rest des Raums bleibt leer. Dabei ist eine Fassade zum Hang gerichtet, die beiden anderen talaufwärts und talabwärts orientiert.

Die Hülle besteht aus transluzentem Polycarbonat, alle drei Seiten des Baukörpers lassen sich öffnen. Im Winter nutzt die Fassade die Sonnenwärme, um den Innenraum aufzuwärmen.

Nun, nach der Fertigstellung, soll der Raum genutzt, angeeignet und im Dialog mit der Umgebung erfahren werden – ein Experiment des Rückzugs und der Konzentration.
Zudem hat der Auftraggeber entschieden, den Ort für andere Kreative zu öffnen und ihn als Schreibkabinett zur Verfügung zu stellen.


 

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