Wort: Paula Mühlena / Bild: Piercarlo Quecchia
Mit Anniina Koivu und einem Tritthocker unterm Arm streiften wir durch ihre Wahlheimat – die lombardische Metropole. Ein Gespräch mit der Designautorin, Kuratorin und Beraterin über die Mailänder Designwoche, ihr neues Label Atelier Koivu mit frisch lanciertem Möbelstück – und über Orte, denen wir begegneten.

Anniina Koivu, wie oft waren Sie schon zur Mailänder Designwoche?
Seit 2007 jedes Jahr bis auf das Jahr, als mein Sohn geboren wurde. Das macht 17 Mal.
Neben Lausanne, ist Mailand Ihre zweite Heimat. Wie verändert sich die Stadt zur Designwoche?
Schon im November beginnt es. Menschen von überall reisen an, um Orte für Ausstellungen zu scouten. Im März, einige Wochen vor dem offiziellen Start, folgt der Aufbau auf dem Messegelände – man merkt, wie die Stadt allmählich in Aufruhr gerät. Während der Designwoche selbst ist Mailand voll. Design nimmt die gesamte Stadt ein; jedes Viertel wird Teil des Geschehens. Bei der Modewoche ist das ganz anders, da konzentriert es sich sehr viel mehr.
Zur Designwoche waren Sie bislang vor allem hochversierte Beobachterin, Kuratorin und Expertin – diesmal stellen Sie erstmals mit Ihrem Label ein Produkt vor. Verändert das Ihren Blick?
Nicht wirklich, es war ein natürlicher Prozess. In den letzten Jahren habe ich bereits Ausstellungen zur Designwoche realisiert: 2018 und 2022 etwa «U-Joints», eine Ausstellung und Buchpräsentation zu Verbindungen in Design und Architektur, 2023 folgte «Prepper’s Pantry», eine Vorratskammer mit Dingen für den Notfall. Daraus entwickelte sich später die Museumsausstellung «We Will Survive» im Mudac Lausanne. Dabei ging es immer darum, die Kultur zur Messe zu bringen, nicht um Kommerz – das war damals ungewohnt und funktionierte gut. Man kam vorbei, schaute, musste nichts kaufen. Solche Formate gibt es heute häufiger. Mit der Vorstellung des «Two Step» in diesem Jahr sind wir zwar wieder auf die kommerziellere Seite gesprungen, dennoch war es eher wie eine Ausstellung: in einer Bücherei mit Galerie, mit einer kleinen Publikation und einem Event. Keine Messe, kein Verkaufsteam – eher eine kulturelle Setzung als eine klassische Produktpräsentation.
«Two Step» – ein Tritthocker, den Sie unter ihrem Label Atelier Koivu zeigen. Warum dieses Objekt?
Ich bin in Finnland geboren. Es handelt sich um ein Objekt, das dort, aber auch in anderen nordischen Regionen, eine lange Geschichte hat. Früher legte man im Sommer Essensvorräte für den Winter an. Jeder verfügbare Stauraum wurde zum Lagern genutzt – hohe Schränke bis unter die Decke befüllt. Um oben anzukommen, war der «Emännänjatko» – grob übersetzt: die Verlängerung der Hausfrau – ein zentrales Werkzeug und selbstverständlicher Teil des Alltags. Wir haben diesen Archetyp als Ausgangspunkt genommen und Anthony Guex, ein Designer aus Lausanne, hat ihn neu formuliert. Dabei bleibt die Grundidee: ein funktionales Objekt, das Möbelstück und Werkzeug zugleich ist – nutzbar als kleine Leiter, Hocker oder Beistelltisch. Ein Alltagsbegleiter.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Anthony Guex?
Es ist ein sehr persönliches Projekt – da musste es jemand sein, mit dem ich auf einer Wellenlänge bin. Reines Business, ohne eine gewisse gemeinsame Ebene, funktioniert bei mir nicht. Das ist wohl Stärke und Schwäche zugleich. Mit Anthony war es naheliegend: Wir haben schon viele Projekte zusammen gemacht – wir haben neulich mal gerechnet – es sind sechs an der Zahl. Als Designer fand ich ihn ohnehin schon immer fantastisch, und da war es logisch: Das machen wir zusammen. Eigentlich war es nie eine Frage – es war selbstverständlich.
Haben Sie schon weitere Ideen oder kommende Projekte für Ihr Label im Sinn?
Wir machen weiter. Mit Anthony entwickeln wir bereits eine Produktfamilie: Der «Two Step» erschliesst höher gelegene Orte und bildet einen guten Anfangspunkt für weitere Produkte. Grundsätzlich treibt uns dabei die Frage an: Was könnte uns selbst gefallen, was würden wir selbst gern haben? Und hoffentlich gefällt das dann auch anderen Leuten. Das wollen wir uns beibehalten. Das mag jetzt etwas banal klingen, aber es ist der Spass am Machen. Dazu gehört auch die Zusammenarbeit mit jungen, vielversprechenden Designern wie Anthony. Wir wollen nicht das typische Bouquet an grossen Gestalternamen zusammenstellen. Uns geht es um eine gemeinsame Ebene, langfristige Zusammenarbeit und charaktervolle Ergebnisse. Dazu haben wir schon weitere Designschaffende, Objekte und Materialien im Kopf.
Seit einigen Jahren schon verkaufen Sie unter dem Label Koivu hochwertige Pullover. So waren Sie in diesem Jahre etwa das zweite Mal schon bei der Fashion Week in Paris. Wie unterscheidet sich die Präsentation dort im Vergleich zur Designwoche?
Elementar. Ich dachte lange, ein Produkt sei schwieriger zu entwickeln als ein Pullover – heute sehe ich das anders. Es sind zwei völlig unterschiedliche Welten. Das hängt sicher auch mit meinen Erfahrungen zusammen. Ich habe zwar nie selbst entworfen, aber ich weiss, wie die Designschaffende ticken, wie das Produkt hergestellt, vermarktet, verkauft und kommuniziert werden muss. Auch weil ich bei Firmen wie etwa Abitare-Magazin oder Vitra damit zu tun hatte. Als wir das erste Mal in Paris waren, da habe ich über den Pullover als ein «Produkt» gesprochen. Bis mich ein Käufer darauf hinwies, dass «Produkt» dem Textil die Qualität nähme. Er riet mir etwa «Item» oder «Garment» zu nutzen. Und da war es eindeutig: Die Sprachen in Design und Mode unterscheiden sich.
Während unseres Gesprächs waren wir an vielen Orten – wir sind vom Ausstellungsort mit einigen Stopps bis zu Ihnen nach Hause gelaufen. Sie alle liegen ausserhalb des offiziellen Designprogramms, erzählen Sie von Ihrem Mailand. Warum gerade diese Orte?
Ja, es sind Orte, die ich persönlich mag. Sie sind das ganze Jahr hinweg da und werden zur jetzigen Zeit nicht überlaufen. Wir waren bei der Pasticceria Sissi – ein Café. Das gibt es seit 35 Jahren und hat diesen wunderschönen Hinterhof. Es ist in der Gegend Risorgimento, die ich ohnehin mag. Dort ist die «Intelligenzia». Die Journalistinnen und Journalisten etwa wohnen dort und kommen am Wochenende zum Zeitunglesen ins Café. Das hat sein eigenes Flair. Auch waren wir an den schönen Colonne di San Lorenzo. Sie zeigen Mailand passend: Das Klassizistische trifft auf das Neue. Es ist auch ein Ort, wo Teenager sich treffen – ein gutes Abbild der Stadt. Anschliessend waren wir beim Blumenhändler Clori. Der ist einfach schön – so pittoresk. Und dann natürlich die Macelleria Popolare – eine Metzgerei, die ist etwas Besonderes. Der Inhaber Giuseppe Zen ist eine Marke an sich. Er hatte ein super Restaurant, war des Gastrolebens überdrüssig und übernahm einen festen Stand an der Ecke des Mercato della Darsena. Da gibt es jetzt wahrscheinlich die beste Fleischqualität ganz Mailands. Abends kann man sich dort an die Bar stellen und sich mit ihm unterhalten. Er kann dir alles übers Essen erzählen – von Käse über Gemüse bis Wein – wie eine laufende Enzyklopädie – extrem charmant.

Fürs Ende kurz zurück zum Tritthocker: Sie haben ihn jetzt zu Hause. Wie macht er sich?
Ja! Der «Two Step» ist jetzt bei uns zu Hause – aber bald nehme ich ihn mit nach Kopenhagen zu den 3 Days of Design und im Herbst zur Helsinki Design Week, bevor er ab September seriell produziert wird.
atelierkoivu.ch
