Wort und Bild: Paula Mühlena
Analoges und Digitales tritt in Dialog. Kreative arbeiten Nationen übergreifend. Studierende entwerfen für ihre Hochschulen: Kollaboration hat viele Formen – und steht im Zentrum des diesjährigen House of Switzerland an der Mailänder Designwoche. Wir trafen die Emerging Talents und ihre Projekte zum Thema.

 

«Hybrid, Tactile, Digitally & Infused»

Manuelles digitalisiert
Die Zürcher Kreativen Yael Anders und Tymen Goetsch stellten sich der Frage: Wie kann das Kunsthandwerk einen wertvollen Dialog mit dem Digitalen führen? Während Anders vor allem analog arbeitet – von Hand zeichnet oder direkt im Material gestaltet –, bewegt sich Goetsch eher im Digitalen und schafft visuelle Erfahrungen. Für ihre gemeinsame Vasen-Serie «Tech Tact» trifft handgeformte Keramik auf 3D-Scan und algorithmische Weiterentwicklung. So entsteht geradezu eine Partnerschaft zwischen Analogem und Digitalem – und ein Algorithmus, der im wahrsten Sinne des Wortes fassbar wird. Er ergänzt das Handwerk und die intuitive Gestaltung um eine interessante neue Ebene.
yaelanders.com, tymen.ch

 

«Local Traditions, International Techniques &
Regional Materials»

Ressourcen potenziert
Ein Grossteil der weltweit verfügbaren Wolle entspricht nicht den industriellen Normen – wird zu Abfall. Die Schweizer Designerinnen Emma Casella und Alix Arto hinterfragen gemeinsam mit der chinesischen Designerin Yihan Zhang dieses System. Mit Hirtinnen, Handwerkerinnen und Faserverarbeitern erforscht das Trio die kulturelle Bedeutung der Fasern, testet neue Anwendungen und verarbeitet Wolle von 50 Schafrassen zu Filz. Daraus entstand das Projekt «Herding Wool»: eine umfassende Datenbank mit Ausstellung und Publikation, die die Recherchen sichtbar machen – ein Werkzeug für Design und Bauwesen.
@herding.wool, @ioemmaetu, @ alix.arto, @ mi_oorenge

 

«Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit
öffnen sich Türen.» 

Gestaltung verlinkt
Die Stehleuchte, die zur Designweek im House of Switzerland zu sehen war, entstand ursprünglich für eine Ausstellung des Londoner Möbelhauses Aram in Zusammenarbeit mit USM Haller. Die in London lebende Schweizer Designerin Livia Lauber war neben weiteren britischen Kreativen eingeladen, das modulare System, losgelöst von der konventionellen Nutzung des USM-Möbels zu interpretieren. Der Leuchte «Usmo» gelingt das, indem das verchromte Gestell um fein hängendes japanisches Washi-Papier ergänzt wird, und dem klaren System eine weiche und wohnliche Note verleiht. Dabei macht es dennoch Gebrauch von dem systemischen Kern des Schweizer Klassikers.
livialauber.com

 

«Das Verbrennen von Holz im grossen Stile sollte
als allerletzte Option betrachtet werden.»

Makel exponiert
Löcher und Unregelmässigkeiten als Standard: Die Serie «Re:collection» des Designers Salomon Elsler bezwingt Spuren von Schädlingen, indem diese Teil der Objekte werden. In grossem Masstab wird Holz verbrannt, nur weil es nicht haargenau der Norm entspricht. Dabei ist der Werkstoff brauchbar und stabil, wie Elsler bei einer Feldstudie mit über 40 besuchten Betrieben herausfand. Mit seinen sorgfältig gestalteten Sitzobjekten aus beschädigter Eiche des Juras stellt der Designer daher die Frage, ob Konsum auch jenseits perfekter Oberflächen stattfinden kann – und ob Unvollkommenheiten künftig sogar in industrielle Fertigungsprozesse und damit in die Designwelt integriert werden könnten.
salomonelsler.com

 

«I designed the objects with the intention of sharing
not just the pieces but the story of their making»

Kompetenzen formuliert
Für eine Kollaboration mit dem Beiruter Exil Collective reiste Designer Antonio Severi über einen Monat in den Libanon – dabei hatte er keine fixen Entwürfe im Kopf, sondern Offenheit für interkulturellen Austausch und lokales Handwerk. Ziel war es, traditionelle Techniken sichtbar zu machen und durch zeitgemässe Gestaltung zu bewahren. Entstanden ist die Serie «Ramel»: Alltagsobjekte wie etwa ein Kerzenständer, eine Uhr oder eine Vase, gefertigt aus Aluminium im Sandgussverfahren. Die Stücke interpretieren Bekanntes neu – und sind so gedacht, dass sie auch künftig lokal produziert werden können. Die erste Produktionsrunde ist nun bereits angelaufen, Vorbestellungen sind möglich.
antonioseveri.com, exilcollective.com

 

«Hyperlokale Konzepte sind ein Weg nachhaltig
zu gestalten und zu produzieren.»

Lokalität manifestiert
Im Umkreis von einem Kilometer: Designer Justus Hilfenhaus entwarf Raumtrenner, Türstopper, Tischböcke und Aschenbecher – alles für den Unialltag an der ECAL in Lausanne. Da Hilfenhaus selbst noch an der Hochschule studierte, konnte er direkt beobachten, reagieren, testen und optimieren. So sind alle Produkte des Projekts «Ecal × Ecal» vor Ort gedacht, gefertigt und künftig in den eigenen Werkstätten reproduzierbar. Auch die Architektur des Ortes selbst diente als Referenz: galvanisierte Oberflächen verweisen auf die industrielle Vergangenheit des Gebäudes und sorgen zugleich für Robustheit. Flexibel, tragbar, anpassbar – hyperlokales Design für den unmittelbaren Gebrauch.
justushilfenhaus.com, ecal.ch