Formen ohne Fassade

Wort: Anina Cammarota / Bild: Gianni Basso, Vega Mg
Authentisch, nahbar und pragmatisch – zugleich von einer stillen Selbstsicherheit und einem unbestreitbaren Talent getragen: So tritt die französische Designerin Inga Sempé seit Jahrzehnten in der Designwelt auf. Wenig überraschend also, dass auch ihre Retrospektive an der Milano Triennale 2024, die drei Jahrzehnte ihres Schaffens umfasste, fern jeder sterilen Perfektion blieb und stattdessen eine lebendige, eigenwillige Handschrift offenbarte.

Das Sofa «Ruché», das Sempé 2010 für Ligne Roset entwarf, präsentiert sich in einer gemütlichen Atmosphäre. Auch die Pinnwand «Pinorama» ist Teil des Szenarios.

Inga Sempé wollte den Eindruck erwecken, dass der Bewohner die Wohnung nur für einen kurzen Moment verlassen habe – als würde er gleich zurückkehren. Die bewusst inszenierte Hintergrundgeschichte deutete dabei auf eine unerwartete Wendung: Vielleicht sei er von einer Strassenbahn überrollt worden. Die Räume sollten das Gefühl vermitteln, als kehre man als Erster in die verlassene Wohnung zurück. So beschrieb Sempé in einem Interview ihren Ansatz für die Ausstellung «Inga Sempé: La casa imperfetta», die sie im Rahmen der Milano Design Week 2024 in der Triennale Milano präsentierte und einen Überblick über drei Jahrzehnte ihres Schaffens gab.

Die französische Designerin verfolgt eine zugängliche Haltung: Design soll nicht hinter gläsernen Sockeln erstarren. «Ich habe genug von Design-Ausstellungen, bei denen Objekte wie unantastbare Meisterwerke präsentiert werden, selbst wenn sie noch produziert werden und in Geschäften zu kaufen sind. Ich wollte, dass Menschen sich diesen Objekten nah fühlen und verstehen, dass ihr Zweck darin besteht, benutzt zu werden», erklärt Sempé. Deshalb blieben ihre Entwürfe in der Ausstellung funktional – und wurden nicht zu blossen Schaustücken degradiert.

2019 entstand die Tischleuchte «Matin» für Hay – inszeniert auf einem Beistelltisch, auf dem eine scheinbar achtlos abgestellte Espressotasse steht.

Diese Haltung zeigt sich inden zahlreichen Objekten, die Sempé über die Jahre geschaffen hat – schlicht, aber raffiniert, geprägt von subtiler Technik und sorgfältig ausgewählten Materialien. Ihr Portfolio reicht von Sofas für Ligne Roset über Stühle für Cassina bis hin zu Leuchten für Wästberg oder Luceplan sowie Keramiken für Mutina. Auch bei Gegenständen wie Besteck, Teppichen oder Textilien bleibt ihre Handschrift spürbar: zurückhaltend, funktional und dennoch präsent.

Design in einer unaufdringlichen, gemütlichen Atmosphäre: der Beistelltisch «LaChapelle» in Kombination mit dem Sessel «Ruché», der Stehleuchte «Matin» sowie einem Spiegel aus der Kollektion «Vitrail».

Alltag erleben
Die gezeigten Objekte – geschaffen für den Gebrauch und das tägliche Leben – wurden in genau diesem Kontext präsentiert. Nicht selten waren die verwendeten Stücke bereits gebraucht oder von der Designerin selbst gesammelt. «Ziel ist es, zu zeigen, dass Qualität alltäglich sein kann, auch mit ein paar Flecken. Und nicht nur für Museen oder ausgesuchte Menschen reserviert ist», erklärt Sempé. Sie selbst ertrage die sogenannte Perfektion leerer Räume nicht. Eine strikte, effiziente Ordnung von Küche oder Badezimmer wolle sie nicht zeigen; Effizienz müsse nicht immer in der Form des Objektes sichtbar sein. «Deshalb versuche ich immer, offensichtliche Formen zu vermeiden, wie sie von Computerprogrammen vorgegeben werden», verrät sie.

Das Regal «Pastille», 2024 von Sempé für Kann entworfen, dient hier nicht nur als Stauraum, sondern auch als subtiler Raumtrenner.

Alle ausgestellten Objekte konnten benutzt werden: Lampen einschalten, sich aufs Sofa setzen oder Schränke durchstöbern – alles war erlaubt und erwünscht. Selbst kleine, unscheinbare Alltagsgegenstände wie halb abgebrannte Kerzen, vergilbte Fernbedienungen oder Einkaufszettel wurden Teil der Inszenierung und vermittelten Authentizität:
Details des gelebten Lebens.

 

Nahbares Design
«Auf die Art und Weise, wie Design in der Presse präsentiert wird, besteht die Gefahr, dass es als ‹Haute Couture› der Objekte wahrgenommen wird – eine Distanz entsteht, die Menschen glauben lässt, diese Dinge seien nicht für sie», kritisiert Sempé. Bei der Arbeit an neuen Projekten denke sie stets an die Nutzerinnen, sodass ihre Produkte ihre Nahbarkeit und Benutzerfreundlichkeit nie verlieren.

Die imposante Stehleuchte «PO/202» trifft auf das einladende Vollschaumsofa «Moel». Die Szenerie wirkt alltagsnah, ohne abgehoben zu sein, und rückt das Design in eine zugängliche Umgebung.

Überraschenderweise wurde während der Ausstellung nichts gestohlen – ein Beweis, dass Respekt auch ohne die übliche Distanz, wie sie an solchen Orten oft gefordert wird, bestehen kann. Sempé beweist, dass Design viele Facetten hat: einfache wie kostbare, auffällige wie unauffällige Objekte – doch immer greifbar, nutzbar und für alle zugänglich. «Ich wollte, dass die Menschen verstehen, dass Design auch die alltäglichsten Dinge berührt.»
ingasempe.fr


 

 

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